Theorie als Wirklichkeit akzeptieren
- 9. März 2024
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Aktualisiert: vor 6 Tagen
Prof. Ernst Peter Fischer als Gast der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing fordert die gedankliche Flexibilität seines Publikums heraus.
AUTOR: LITERARISCHE GESELLSCHAFT
GRÄFELFING (LitG) - An diesem Abend, begrüßte Herr Ulrich Rosenbaum namens der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing Prof. Dr. Ernst Peter Fischer, der angesehene Wissenschaftspublizist und Inhaber eines Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte an der Uni Heidelberg. Fischer präsentierte sein spannendes Werk „Die Stunde der Physiker“. Fischer legt Wert darauf, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaften Teil der Allgemeinbildung sein können. Damit bedient er einen zentralen Imperativ, dass die Wissenschaft mit der Allgemeingesellschaft geistig zu interagieren hat, unter anderem auch, weil die Wissenschaft zumeist aus öffentlichen Mitteln gefördert wird ("Social Contract for Science").

"Die Stunde der Physiker" ist das Buch von Peter Fischer. Auf Einladung der Literarischen Gesellschaft lud er das Publikum zum Ausflug in die Welt der Quantenmechanik ein. FOTO: DAGMAR RUTT
Fischer präferiert es, die Wissenschaft als Kulturgeschichte zu vermitteln und sie in das Zentrum bürgerlichen Bildungsverständnisses zurück zu holen.
Leitfaden dafür war Fischers jüngste Veröffentlichung seines neuen Buches Die Stunde der Physiker. Versiert wie reich an Anekdoten sowie anschaulich berichtet Fischer darin vom großen Jahrzehnt der Physik zwischen 1922 und 1932 den genialen Protagonisten dieser Zeit. Ferner beschrieb er die Folgen, welche die völlig neue Theorie der Atome und der Materie mit sich bringen sollte. Die Quantenmechanik ist heute eine tragende Säule der modernen Physik. Als eine heute experimentell bestätigte physikalische Theorie beschreibt die Gesetzmäßigkeiten von Zuständen und Vorgängen der Materie. Ohne sie gäbe es heute keine iPhones, so Fischer, der an den Universitäten Konstanz und Heidelberg lehrte. Geradezu verrückt sei dabei die Tatsache, dass die Entwicklung des Handys wie ganz allgemein unserer modernen Welt einer erdachten Zahl zu verdanken sei.
In seinem Buch geht Prof. Fischer eigene Wege. Er habe versucht, die Naturwissenschaft als Geisteswissenschaft zu begreifen, eröffnete er seinen Zuhörern und plädierte für einen romantischen Blick auf die Welt. “Das romantische Denken nimmt an, dass es neben dem Sichtbaren gleichberechtigt das Unsichtbare gibt", erklärte er. Von besonderem Interesse dafür ist die im Universum zwar offensichtlich existente, aber nicht messbare Dunkle Energie und Dunkle Materie.

Der geringe Anteil der sichtbaren und messbaren Materie, indirekt Energie, zwingt zum Nachdenken und Diskurs um das Weltbild. Vergleichbar trete bei der Quantenphysik das Wirkliche hinter das Mögliche zu-rück, das Potenzielle sei wirklicher als das Konkrete, und Atome blieben unbe-stimmt, solange bis sie vermessen würden.
Einer der Pioniere der neuen Denkweise war der Wissenschaftler und Träger des Nobelpreis, Wolfgang Ernst Pauli (1900-1958). Ihn zitierte und Fischer wie folgt: “Die nicht mehr klassische Naturwissenschaft ist zum ersten Mal eine Theorie des Werdens." Fischer erkläre es wie folgt mit seinen eigenen Worten: „Wenn das Einzige, was ich von der Wirklichkeit habe, die Information darüber ist, dann ist diese Information die Wirklichkeit." Physik und Chemie seien gleichermaßen schöpferische Tätigkeiten, gleich zur Dichtung und Malerei. Die Aufklärung habe nur Mythen erbracht.
Der Vortrag, der auch einen entwicklungsgeschichtlichen Abriss darlegte, verlangte den Zuhörern ab, sich auf die Idee einzulassen. Am Ende kam auch Widerspruch aus dem Publikum. Es gebe aber doch auch ganz gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, warf ein Zuhörer ein. „Es bleibt am Ende das Staunen, dass eine Wissenschaft, deren Ansatz es ist, Wirklichkeit als Möglichkeit zu begreifen, so erfolgreich ist", entgegnete Fischer. Auch im Dialog mit seinem Publikum zeigte sich der Wissenschaftler aufgeschlossen und überbordend an Begeisterung für das eigene Fach. Er fügte hinzu: „Die Quantentheorie ist noch lange nicht abgeschlossen."
Die Sicht des Autors
In seinem Vortragsabend und seinem Buch hat Prof. Frischer seine wissenschaftliche Bringschuld gegenüber der Öffentlichkeit erbracht. Polar dazu besteht in unserer Demokratie auch die Holschuld, sich mit der Wissenschaft zu befassen, sie zu hören und für den Diskurs zu verwenden (Scientific Literacy). Davon unberührt ist selbstverständlich die Freiheit, naturwissenschaftliche Erkenntnisse für sich anzunehmen oder abzulehnen.
Der Vortrag erschien im Münchner Merkur am 8. März 2023 unter dem gleichnamigen Titel, Autorin ist Frau Alexandra Joppen-Schuster, Link leider nicht mehr verfügbar.
Link zur Veranstaltungseinladung
Das Buch:
„Die Stunde der Physiker. Einstein, Bohr, Heisenberg und das Innerste der Welt" (288 Seiten) ist als 2. Auflage 2022 im Beck-Verlag, München, erschienen, ISBN 978-3-40678-6600
