Süddeutsche Zeitung, 25.03.06

Eine Liebe Manns

Szenische Lesung eines berühmten Geschwisterpaars

Gräfelfing Es heißt, gute Schauspieler hinterlassen beim Publikum den Eindruck, original so ausgesehen zu haben wie die Figuren, die sie dargestellt haben. Ute Maria Lerner und Mark Weigel sind ganz ausgezeichnete Schauspieler, denn sie haben wahrhaftig genau so ausgesehen wie Erika und Klaus Mann. Sie waren nicht die Doubles des Geschwisterpaares, aber sie haben den Eindruck von Ähnlichkeit vermittelt. ¸¸Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluss - auf den Spuren von Erika und Klaus Mann", hieß das Programm, mit dem die Schauspieler im Bürgerhaus auftraten.

Zwei Caféhaustische mit je einem Bistrostuhl standen auf der Bühne, nacheinander betraten Lerner und Weigel die Szene, ganz so, als nähmen sie Platz in einem Bistro in Paris, wohin es Klaus am Ende seines Lebens getrieben hatte. Oder als säßen sie im Zuschauerraum der ¸¸Bonbonniere", wo die erste Vorstellung des von Erika gegründeten Kabaretts ¸¸Pfeffermühle" stattfand. Gekleidet wie Show-Zwillinge in schwarze Frackhosen, weiße Hemden mit steifen Kragen und Krawatten, nahmen beide Platz, und Mark Weigel fragte als Klaus Mann seine Schwester: ¸¸Stell dir vor, ich wäre nicht dein Bruder, sondern ein Interviewer, der dir Fragen stellt." Als gespieltes Interview begann der Abend. Ute Maria Lerner in der Rolle der Erika gab Auskunft über ihre Lieblingsstadt - München, trotz allem - und über ihre Zeit in Hamburg, die Ehe mit Gustav Gründgens: ¸¸Sein Charakter war nicht sehr erfreulich, darum konnte er auch Nazi werden."

Nun sei der Klaus an der Reihe, forderte sie, aber Klaus konterte, er werde nicht auf Fragen antworten, er werde erzählen. Und so erzählte er von seiner Beschäftigung mit Tschaikowsky, literarisch verarbeitet in dem Roman ¸¸Symphonie Pathétique", von seiner Verlobung mit Pamela Wedekind und davon, dass eigentlich Erika in Pamela verliebt gewesen sei. Im Gespräch erinnern sich die Geschwister an ihr beginnendes politisches Engagement, das einherging mit dem Heraufziehen des Nationalsozialismus. Beide wurden glühende Antifaschisten, gingen ins Exil.

Erika habe oft, bekennt sie am Ende ihres Lebens, über ihre Beziehung zu Klaus nachgedacht, und dabei sei ihr eine Geschichte aus der Kindheit eingefallen. Sie war damals zweieinhalb und nicht in der Lage, den Namen des kleinen Bruders auszusprechen - sie nannte ihn ¸¸Eisi". Einmal traf sie beim Spaziergang mit dem Kindermädchen auf ein anderes kleines Mädchen, das ohne Geschwister aufzuwachsen schien. ¸¸Wo hast denn du deinen Eisi?", fragte Klein-Erika, ¸¸jedes kleine Mädchen braucht doch einen." Und so, bekennt Erika Mann, sehe sie es immer noch. SABINE ZAPLIN


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.71, Samstag, den 25. März 2006 , Seite 2