Münchner Merkur, 27.11.04

 
Geschichte einer wahren Femme fatale


Leben der Alma Mahler-Werfel

VON ELISABETH BRANDL Gräfelfing - "Als Biograph gibt es nichts langweiligeres, als über einen langweiligen Menschen zu schreiben. Das war Alma Mahler-Werfel mit Sicherheit nicht", sagt Oliver Hilmes und schmunzelt. Er muss es wissen. Denn soeben ist im Siedler Verlag München sein Band "Witwe im Wahn" erschienen. Eine Kostprobe daraus setzte er auf Einladung der Literarischen Gesellschaft am Dienstag den zahlreich erschienen Gästen vor.

Das Besondere an dieser so unterhaltend geschriebenen Lebensgeschichte einer Femme fatale: Hilmes Recherchen basieren auf bis dato unerschlossenen, ja unentdeckten Quellentexten. Der 33-jährige Autor eroberte sich das Thema anlässlich seiner Promotion über Gustav Mahler. Dass über dessen Ehefrau, die auch jene von Walter Gropius und Franz Werfel wurde, zudem aber die Geliebte von Oskar Kokoschka, Alexander von Zemlinsky und zahlloser weiterer Größen ihrer Zeit, bereits fünf Biographien vorliegen, störte ihn keineswegs. Denn einzig und allein Oliver Hilmes betrieb die "Ausgrabungsarbeiten" in der Van-Pelt Library in Philadelphia, sichtete die 46 Archivkartons mit Alma Mahlers Nachlass. "Als ich die Tausende von Briefen an Alma, das Konvolut ihrer Tagebuchaufzeichnungen sah, wurde mir klar, was für einen Schatz ich da gehoben hatte."

Alma, aus großbürgerlichem Wiener Haus gebürtig, Tochter eines Malers und einer Sängerin, Debütantin in "klangsprachlich progressiver" Liedkomposition, polarisierte schon ihre Zeitgenossen des Fin de Siècle wie der Republik. Sie selbst stilisierte sich, umgetrieben von ebenso narzisstischen wie hysterischen Affekten, zur "inspirierenden Muse". Andere, wie Friedrich Torbergs Ehefrau, sahen in ihr "eine große Dame und gleichzeitig eine Kloake".

Als Oliver Hilmes die eine oder andere Episode ihrer so ausschweifenden wie faszinierenden Affären zum Besten gab, wurde es offensichtlich. Alma Mahler-Werfel provoziert auch heute, vom empörten Kopfschütteln bis zum verständnisvollen Grinsen. "Ich wollte sie nicht auf die Couch legen", versichert der Autor, "sie war neurotisch, aber nicht krank, ich habe großen Respekt vor ihrer unglaublichen Lebensenergie." Die "Witwe im Wahn" verführt, damals wie heute. Nicht zuletzt dazu, ihr Leben aus der Sicht Oliver Hilmes zu goutieren.


mm
27.11.2004

 

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