Süddeutsche Zeitung, 14.05.04


Unten und oben ohne

Ernst Augustin schreibt eine ¸¸Schule der Nackten"


Gräfelfing ¸¸Zweihundert Augen waren auf mich gerichtet. Ich zog sofort meine Hose herunter, gleich neben dem Eingang, stieg aus der Hose und behielt sie in der Hand, stand da mit nichts, nicht einmal einer Sonnenbräune bekleidet, und glaubte es eigentlich nicht. Wenn es in diesem unserem Universum ein Zentrum, einen Brennpunkt, einen absoluten Fokus gegeben haben sollte, dann war es mein dort unten befindliches, einsam hängendes Genital. Und das Ganze im Stehen", erinnert sich Alexander an seine ¸¸Grenzüberschreitung". Stattgefunden hat sie an einem wunderschönen Sommertag unter dem typisch weiß-blauen Münchner Himmel im Jakobi-Bad. Dort nämlich trennt ein Bretterzaun ganz abrupt das Badegelände vom Bereich der ¸¸Nackten". Auf seinen Eroberungsfeldzug durch den FKK-Bereich - der allerdings eher einer soziologisch-ethnologischen Studienreise gleicht - konnten die Besucher eine Lesung im Bürgerhaus des 60-jährigen Altphilologen Ernst Augustin begleiten. Der Namensvetter Alexander des Großen ist der (Anti-)Held aus seinem neuen Roman ¸¸Die Schule der Nackten". Eingeladen hatte den Autor die ¸¸Literarische Gesellschaft Gräfelfing".

Am Anfang noch schüchtern, erobert sich Alexander das nächste Mal schon selbstsicherer seinen Platz. Dieser befindet sich allerdings nicht ganz vorn beim Schwimmbecken, im ersten Ring. Nein, der Privatgelehrte, der gerade mit ¸¸chaldäisch-aramäischen Studien beschäftigt ist", schlägt sich durch eine Reihe von ¸¸Alten, die bereits zu Präparaten" geworden sind, lässt seine ¸¸Brüder", liegend ¸¸bis zum Anschlag aufgeklappt", kurzerhand hinter sich und nimmt Platz im dritten Ring: im ¸¸Club der alten Frauen".

Liebevoll und mit leiser Ironie beschreibt Ernst Augustin jene Landschaften, die gemeinhin am ¸¸weißen Krägelchen" enden. Der Held selbst hadert mit seinem männlichen Schicksal: dass Mann nämlich immer sein ¸¸Inneres auf sträfliche Weise vor sich her tragen" muss. Jene Spezies ¸¸spielt mit offenen Karten"', während sich das Weib stets ¸¸schnippisch bedeckt" hält. Diese Reflexionen stört urplötzlich - wie aus heiterem Himmel - eine Göttin mit Wespentaille und wundervoll ausladenden Hüften. Eine Liebesgeschichte beginnt. . .

Augustins literarische Erforschung der Freikörperkultur spiegelt höchst originell die modernen Inszenierungen der ¸¸Körperwelten" wider. Die Feldstudien des Hermann-Hesse-Preisträgers wirken dabei nie platt, gleiten durch die Verwendung wohltönender Euphemismen und antiker Mythen niemals ins Peinliche ab.

FRANZISKA GÜNTHER

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.111, Freitag, den 14. Mai 2004 , Seite 6

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