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Götz Aly stellt sein Buch vor:
"Wie konnte das geschehen?"

AUTOR: REDAKTION DER GESELLSCHAFT

GRÄFELFING, 27.01.2026

Gräfelfing (LitG) – An diesem Abend, dem Holocaust-Gedenktag (Link Bundestag), begrüßte Herr Ulrich Rosenbaum namens der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing Götz Aly, bekannter Historiker und Alumnus des Kurt-Huber-Gymnasiums. Aly präsentierte vor 270 Zuhörern sein vielbeachtetes Werk „Wie konnte das geschehen?“. Wie brachte der NS-Staat die Deutschen zur Teilnahme am Vernichtungskrieg und den Massenmorden? Aly liefert hierfür Erklärungsansätze, die im Alltag dieser Zeit ansetzen und ein eigenständiges Erklärungsmuster liefern, und insbesondere die nicht verfolgte deutsche Bevölkerung als materielle Begünstigte des Systems herausarbeiten.

Götz Alys Werk

Götz Aly weist als Publizist ein umfangreiches Werk vor, zum Holocaust und zur nationalsozialistischen Zeit allgemein. Er habilitierte sich 1994 an der FU Berlin und lehrte in mehreren Gastprofessuren. Götz Aly analysiert anders als die Ansätze in der Forschung, welche sich vorrangig auf die oberste Staatsführung konzentrieren. Aly untersucht stattdessen die Triebkräfte des Eigennutzes, die Motivation innerhalb der Bevölkerung sowie die fatale Eigendynamik der Bürokratie.

Götz Aly, Uli Rosenbaum und der Schulleiter des Gymnasiums KHG
2026-01-27_Literarsiche_Gesellschaft_Gräfelfing_GötzAly Zuschauer und Tonmischanlage
2026-01-27_Literarsiche_Gesellschaft_Gräfelfing GötzAly Treppenhaus

Bilder vom Vortragsabend: linkes Bild vom Buchautor autorisiert, mitte und rechts frei fotografiert.

Götz Alys Buch: soziale Analysen

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist ein Alltagsbild, das unsere Besucher zum Teil noch aus den Familienerzählungen oder solchen der Zeitzeugen wiedererkennen könnten. Insbesondere die herausragende Detailtiefe in Alys Forschung ist beeindruckend. Besonders aufschlussreich war sein Einstieg in das Thema: eine zeitlos anmutende Sozialpolitik zu Anfang der NS-Macht, die für weite Teile des Volkes als existenzsichernd galt. Götz Aly zufolge stoppte der NS die Vollstreckung von Forderungen und insbesondere die Pfändung von Bauernhöfen. Die Gerichtsvollzieher wurden faktisch dazu angewiesen, die Interessen der Schuldner zu vertreten. Ein 1936 eingeführter Preisstopp trug zur Akzeptanz des Systems bei.

Aly verglich die Rezeption der nationalsozialistischen Gewalt in ihrer Frühphase mit den Auswüchsen des späten Weimar. Aly zufolge nahmen sie viele Zeitgenossen zunächst nicht als bedrohlicher wahr. Den Eigennutz der Bevölkerung instrumentalisierte das NS-Regime, auch beförderte es den Eindruck eines breiten, sich selbst tragenden wirtschaftlichen Aufschwungs. Götz Aly zitierte ein damals im Volk sehr anschlussfähiges Beispiel, die sog. "Reichsgetreidereserve" als staatlich organisierte Lebensmittelversorgung. Es war eine bittere Lehre aus dem Trauma des Ersten Weltkrieges, mit 400.000 Hungertoten im deutschen Reich.

 

Ein zentraler Fachbegriff in Alys Sichtweise ist seine Bezeichnung des NS-Staates als "Wohlfühldiktatur". Sie umreißt sozialpolitische Leistungen mit zeitlosem Charakter: steuerfreie Mehrarbeitszuschläge ab Herbst 1940, sowie Beihilfen für kinderreiche Familien. Aly hob insbesondere die Versorgung der Soldatenfrauen im 2. Weltkrieg hervor. Laut Aly gingen diese bis zu "90 Prozent" des Familiengehalts. Anders in den Staaten der Alliierten, dort waren die Soldatenfrauen oft deutlich schlechter gestellt (vgl. Aly: "Hitlers Volksstaat").

Die Ökonomie des Krieges

Sie ist weiterer Teil des Buches von Götz Aly. Ausgangspunkt seiner Darlegung ist der drohende Staatsbankrott des Deutschen Reiches zu Ende der 1930er-Jahre. Um das keineswegs vom Krieg be-geisterte Volk ruhig zu stellen, nahm die NS-Regierung massenhaft Schulden auf: Mefo-Wechsel. Der Raub des jüdischen Vermögens als Vorstufe des Holocaust und die Kriegsbeute aus den besetzen Ländern kamen hinzu. Aus Furcht vor dem offenen Unmut im Volk fehlte dem NS-Regime der Mut, Kriegsanleihen direkt bei den "Volksgenossen" einzuwerben - ein deutlicher Kontrast zu den alliierten Demokratien. Autorenbeispiel ist das Dominion of Canada. Die dort aufgelegten "Victory Bonds" waren oft überzeichnet.

2026-01-27_Dominion-of-Cananda_Vicotry_Bonds Kriegsanleihen

Wikimedia Commons, public domain

Die anschließende Diskussion mit unserem Publikum erwies sich als fundiert und lebhaft. Im Vortrag kamen auch eingehend der Holocaust zur Sprache und am Rande die Rolle von Josef Goebbels, den Aly "Spindoctor" nannte. Die in der Lesung mit Bedacht offen gehaltenen Fragen dienten dem Wunsch an die Zuhörer: "Kaufen Sie Alys Buch!".

Der Blick des Autors

Zusammenfassend betrachtet ist der Ansatz von Götz Aly sehr verdienstvoll, weil er die Diktatur unter anderem aus der Alltagsperspektive und der technischen Finanzwissenschaften untersucht. Er steigt in Erfahrungsräume der damaligen Gesellschaft hinunter und liefert so eine Reportage aus den "Maschinenräumen" der Tyrannei. Dies geschah, ohne die damaligen Abläufe zu verharmlosen, oder sie zu dämonisieren.

Ein gutes Pendant ist aus Autorensicht die Milieustudie über die Sowjetunion "Die Russen" (1976) des Amerikaners Hendrik Smith. Das Werk dekonstruiert die DNA Russlands, das klassenübergreifend Macht als Recht legitimiert. Smith arbeitete zu der Zeit als Chefkorrespondent der New York Times in Moskau. Ein vergleichbares Standardwerk über die DDR, das Alys analytische Tiefe erreicht, ist erst noch zu schreiben.


 

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Zum Themenbereich Politik und Zeitgeschichte.

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Zum Buch: Dr. Götz Aly - Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945,
S. Fischer Verlag 2025, 768 S., ISBN: 3-10397-364-0, 34,00 €.

 

Quellen und weiterführende Hinweise

  1. Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom 28.01.2026 (Link >):

  2. Veranstaltungsankündigung in der Süddeutschen Zeitung (Link >):

  3. Am Tag darauf las ("Young Adult") Götz Aly im KHG vor der Schülerschaft im KHG (Link >)

  4. Zur "Wohlfühldiktatur", Götz Aly: 2005 im SPIEGEL (Link >):

  5. Deutsche Finanzierung des WK2 via Staatsschulden in FAZ (Link >):

  6. Rezension des DLF des Buches mit Podcast (FAZ >):

  7. Bibliographischer Hinweis zu Smith (1976): ASIN ‎ B0037GO5DC

  8. Bildrechte: Victory Bonds, zur Verfügung gestellt vom Ministerium für Verteidigung von Kanada, Ottawa ("public licensed") im Rahmen Wikimedia Commons (URL >)

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