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Götz Aly stellt sein Buch vor: "Wie konnte das geschehen?"

  • 27. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 17 Stunden


AUTOR: VEREINSREDAKTION

GRÄFELFING, DEN 27.01.2026



Gräfelfing (LitG) – An diesem Abend, dem Holocaust-Gedenktag (Link Bundestag), begrüßte Herr Ulrich Rosenbaum namens der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing Götz Aly, bekannter Historiker und Alumni des Kurt-Huber-Gymnasiums. Aly präsentierte sein vielbeachtetes Werk „Wie konnte das geschehen?“. Wie brachte der NS-Staat die Deutschen zur Teilnahme am Vernichtungskrieg und den Massenmorden? Aly liefert hierfür Erklärungsansätze, die im Alltag dieser Zeit ansetzen und ein eigenständiges Erklärungsmuster liefern, und insbesondere die nicht verfolgte deutsche Bevölkerung als materielle Begünstigte des Systems herausarbeiten.


Götz Aly ist ein Schriftsteller mit einem umfangreichen Werk zum Holocaust und auch der nationalsozialistischen Zeit allgemein. Er habilitierte sich 1994 an der FU Berlin und lehrte in mehreren Gastprofessuren. Götz Aly analysiert anders als Forschungsansätze, die sich vorrangig auf die oberste Staatsführung konzentrieren. Aly untersucht stattdessen die Triebkräfte des Eigennutzes, die Motivation innerhalb der Bevölkerung sowie die fatale Eigendynamik der Bürokratie.

Bilder: Literarische Gesellschaft Gräfelfing mit persönlicher Freigabe von Herrn Aly.

Buch Götz Aly: Soziale Analyse

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist ein Alltagsbild, das unsere Besucher zum Teil noch aus den Familienerzählungen, oder solchen der Zeitzeugen wiedererkennen könnten. Insbesondere der Detailreichtum von Alys Forschung ist beeindruckend. Spannend war insbesondere sein Einstieg in das Thema: eine zeitlos anmutende Sozialpolitik zu Anfang der NS-Macht, das für weite Teile der Bevölkerung als existenzsichernd galt. Götz Aly zufolge stoppte der NS die Forderungsvollstreckung und insbesondere die Pfändung von Bauernhöfen. Gerichtsvollzieher wurden faktisch dazu angewiesen, die Interessen der Schuldner zu vertreten. Ein 1936 eingeführter Preisstopp trug zur Akzeptanz des Systems bei.

Aly verglich die Rezeption der nationalsozialistische Gewalt in ihrer Frühphase mit den Auswüchsen des späten Weimar. Aly zufolge nahmen sie viele Zeitgenossen zunächst nicht als bedrohlicher wahr. Den Eigennutz der Bevölkerung instrumentalisierte das NS-Regime, auch beförderte es den Eindruck eines breiten, sich selbst tragenden wirtschaftlichen Aufschwungs. Götz Aly zitierte ein damals im Volk sehr anschlussfähiges Beispiel, die sog. "Reichsgetreidereserve" als staatlich organisierte Lebensmittelversorgung. Es war eine bittere Lehre aus dem Trauma des ersten Weltkrieges, mit 400.000 Hungertoten im deutschen Reich.


Ein zentraler Begriff in Alys Sichtweise ist sein Begriff der "Wohlfühldiktatur". Sie umreißt sozialpolitische Leistungen mit zeitlosem Charakter: steuerfreie Mehrarbeitszuschläge ab Herbst 1940, sowie Beihilfen für kinderreiche Familien. Aly hob insbesondere die Versorgung der Soldatenfrauen im 2. Weltkrieg hervor. Laut Aly gingen diese bis zu "90 Prozent" des Familiengehalts. Anders in den Staaten der Alliierten, dort waren die Soldatenfrauen oft deutlich schlechter gestellt (vgl. Aly: "Hitlers Volksstaat").

Die Ökonomie des Krieges

Sie ist weiterer Teil des Buches von Götz Aly. Ausgangspunkt seiner Darlegung ist der drohende Staatsbankrott des Deutschen Reiches zu Ende der 1930er-Jahre. Um das keineswegs vom Krieg be-geisterte Volk ruhig zu stellen, nahm die NS-Regierung massenhaft Schulden auf: Mefo-Wechsel. Der Raub des jüdischen Vermögens als Vorstufe des Holocaust und die Kriegsbeute aus den besetzen Ländern kamen hinzu. Aus Furcht vor dem offenen Unmut im Volk fehlte dem NS-Regime der Mut, Kriegsanleihen direkt bei den "Volksgenossen" einzuwerben- ein deutlicher Kontrast zu den alliierten

2026-01-27_Dominion-of-Cananda_Vicotry_Bonds

Demokratien. Autorenbeispiel ist das Dominion of Canada. Die dort aufgelegten "Victory Bonds" waren oft überzeichnet.


Die anschließende Diskussion mit unserem Publikum erwies sich als fundiert und lebhaft. Im Vortrag kamen auch eingehend der Holocaust zur Sprache und am Rande die Rolle von Josef Goebbels, den Aly "Spindoctor" nannte. Die in der Lesung mit Bedacht offen gehaltenen Fragen dienten dem Wunsch an die Zuhörer: "Kaufen Sie Alys Buch!".


Der Blick des Autors Zusammenfassend betrachtet ist der Ansatz von Götz Aly sehr verdienstvoll, weil er die Diktatur aus der Alltagsperspektive und der technischen Finanzwissenschaften untersucht. Er liefert also eine Reportage aus den "Maschinenräumen" der Tyrannei. Dies geschah, ohne die damaligen Abläufe zu verharmlosen, aber auch nicht, diese zu dämonisieren. Ein gutes Pendant ist aus Autorensicht die Milieustudie über die Sowjetunion "Die Russen" (1976) des Amerikaners Hendrik Smith. Er arbeitete zu der Zeit als Chefkorrespondent der New York Times in Moskau. Ein vergleichbares Werk über die DDR, das den Standard von Aly erreicht, ist erst noch zu schreiben.


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Zum Themenbereich Politik und Zeitgeschichte.

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Quellen und weiterführende Hinweise

  1. Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom 28.01.2026 (Link >):

  2. Veranstaltungsankündigung in der Süddeutschen Zeitung (Link >):

  3. Am Tag darauf las ("Young Adult") Götz Aly im KHG vor der Schülerschaft im KHG (Link >)

  4. Zur "Wohlfühldiktatur", Götz Aly: 2005 im SPIEGEL (Link >):

  5. Deutsche Finanzierung des WK2 via Staatsschulden in FAZ (Link >):

  6. Rezension des DLF des Buches mit Podcast (FAZ >):

  7. Bibliographischer Hinweis zu Smith (1976): ASIN ‎ B0037GO5DC

  8. Bildrechte: Victory Bonds, zur Verfügung gestellt vom Ministerium für Verteidigung von Kanada, Ottawa ("public licensed") im Rahmen Wikimedia Commons (URL >)


 
 

Veranstalter: Literarische Gesellschaft Gräfelfing – "www.literarische.de“

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