Donnerstag
, 23.03.17
20 Uhr

 

im Bürgerhaus Gräfelfing am Bahnhofsplatz 

In Zusammenarbeit mit der


Martin A. Klaus


Foto: Dieter Brumshagen

Ludwig Thoma -
ein erdichtetes Leben
 

Eintritt:  frei
 


Nach Ludwig Ganghofer und Oskar Maria Graf nun ein Abend über Ludwig Thoma, den bei Vielen beliebten Autor der „Lausbubengeschichten“, von „Jozef Filsers Briefwexel“ oder der „Heiligen Nacht“. Seine Stücke standen oft auf den Spielplänen – und nicht nur bei Volkstheatern. Kein anderer bayerischer Heimatdichter war wohl so populär wie der 1867 in Oberammergau geborene und 1921 am Tegernsee gestorbene Thoma.

Der als linksliberal geltende Satiriker, schrieb seit 1898  über 800 Artikel für den „Simplicissimus“, bald auch als Chefredakteur. Er benutzte dazu auch Pseudonyme, vor allem "Peter Schlemihl". Ansonsten umfangreiches schriftstellerisches Werk: Bauernromane, Kleinstadt-geschichten, Komödien und Lustspiele, die in unsentimentaler Weise das Leben der einfachen Bevölkerung seiner bayerischen Heimat thematisieren.  Thoma hatte allerdings, wie sich insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg zeigte, noch eine ganz andere Seite.

Was Thoma von emanzipierten Frauen hielt, von andersdenkenden Kollegen oder von Juden, was er in seinen letzten Lebensjahren in rechtsradikalen Hetzschriften schrieb – das ist nicht nur für Thoma-Liebhaber erschreckend. Der Autor Martin A. Klaus nähert sich Thoma insbesondere psychoanalytisch und gewinnt damit neue Erkenntnisse über dessen zerrüttetes und zerrissenes Leben.

Martin A. Klaus wurde in Bernau am Chiemsee geboren. Rund 40 Jahre war er als Redakteur und Autor für die „Süddeutsche Zeitung“ tätig. Sein Buch über Ludwig Thoma erschien im Dezember 2016.


    

       
150 Jahre Ludwig Thoma
(* 21. Januar 1867 in Oberammergau;
† 26. August 1921 in Tegernsee)
Jurastudium in München und Erlangen, ab 1894 RA in Dachau, 1897-99 in München.

   Erdichtetes Leben: Ludwig Thoma beschreibt 1919 in seiner Autobiografie eine Kunstfigur, die mit der Realität wenig zu tun hatte.


Ludwig Thoma
:  Wikipedia - Wikisource - Zeno.org - GND - Literaturportal Bayern - Bernhard Gajek - Richard Lemp - Projekt Gutenberg - simplicissimus - BR Fernsehen: Weiberheld und Weiberfeind - Martha Schad - edition monacensia -  Michael Lerchenberg
Von Scheinheiligen und Heiligen – Pfaffen, Pfarrer und Pastoren bei Ludwig Thoma -  Gertrud Maria Rösch :"Ludwig Thoma. Der zornige Literat" - Der andere Ludwig Thoma -  Willi Winkler, Zeit-online 18.8.1989: Dreinhauen, daß die Fetzen fliegen - DER SPIEGEL 34/1989 Wirbel um den bayrischen Säulenheiligen Ludwig Thoma
Daniel Drascek und Dietz-Rüdiger Moser 1990: Argumente für und wider die Verleihung einer „Ludwig-Thomas-Medaille" -

Norbert Göttler: Eine literarische Collage  "THOMA Von der Selbstzerstörung des Bayerndichters" (Uraufführung am Fr. 31.3.17 im Ludwig-Thoma-Haus, Stockmann-Saal,  in Dachau)

Norbert Göttler, Historiker, Theologe und Bezirksheimatpfleger, im Vorwort zu seinem Stück: "Thomas Familienverhältnisse gestalteten sich immer desolater. Unterwegs in Halbweltkreisen kaufte er kurzerhand eine erotische, philippinische Tänzerin – Marietta del Rigardo – ihrem ersten Ehemann ab und heiratete sie. Kurze Zeit später verließ sie ihn wieder. Ein jahrelanges Werben um die ebenfalls verheiratete schwerreiche jüdische Maidi von Liebermann, geb. Feist-Belmont, blieb nur halb erfolgreich. Maidi wurde zwar seine Geliebte, verließ ihre Familie aber nicht, was Thoma verbitterte.  -
Norbert Göttler, Münchner Merkur: Am schönsten war es doch in Dachau : "... ein Autor großer Begabung, aber auch ein Autor voller Widersprüche, Brüche und Selbstzerstörungs-Impulse. .. "

Sonntag, 26.3.17, 19.00 Uhr, Kupferhaus Planegg: Michael Lerchenberg & eberwein - Ludwig Thoma - ein schwieriger Bayer

 


Ludwig Thoma als Ironiker, Humorist und Ikone der bayerischen Literatur. Der satirische Blickwinkel und die authentische bäuerliche Sprache.
Das
ist die eine, die gute Seite des Ludwig Thoma.

 


...   
 


Die andere Seite von Ludwig Thoma: "Die politische Dreckschleuder".

Mit seinen Hetzartikeln im „Miesbacher Anzeiger“ bereitete Ludwig Thoma den Boden für die Nazis. Mit Hasstiraden und Forderungen, "diese Pest auszurotten", habe er unverblümt zum Genozid aufgerufen. 20 Jahre vor Auschwitz sei hier der Boden mitbereitet worden für von allen Skrupeln befreite braune Mörderbanden.

Der linksliberale Satiriker zeigte sich an seinem Lebensende faschistisch pöbelnd und unflätig. "Wir Arier haben es am Ende nicht nötig, ruhig zuzusehen, wie schmierige Lausbuben, Tango- und Spinatburschen" (Homosexuelle) zu Christenpogromen hetzen." In seinem letzten Lebensjahr lieferte Thoma - i.d.R. anonym - dem Lokalblatt "Miesbacher Anzeiger" beinahe jeden dritten Tag ein wüstes Pamphlet. Die Zeitung erlangte binnen kurzem in ganz Deutschland Berühmtheit und hohe Auflagen durch ihre antidemokratischen, antisemitischen Hetzartikel.

Es spricht sogar viel dafür, dass Thoma Stichwortgeber für den frühen Adolf Hitler war.

"Thomas rechtsextreme Ausfälle waren im Übrigen so geheim nicht. Wer es wissen wollte, der wusste es. 1941 im Völkischen Beobachter: „Thomas Artikel im Miesbacher Anzeiger dürfen heute den Anspruch darauf erheben, zu den ersten publizistischen Zeugnissen eines aufrechten Widerstandes gegen das Verbrechen von 1918 gerechnet zu werden." Der Münchner Rechtsanwalt Max Hirschberg etwa, ein in die USA geflohener Jude, schrieb in seinen in den 1950er-Jahren entstandenen Lebenserinnerungen: „Scharfe Satiren veröffentlichte dort (im „Simplicissimus“, d. Red.) der begabte Ludwig Thoma, der später an nationalistischer Herzverfettung einging.“ Noch deutlicher wurde der Revolutionär Erich Mühsam, der 1921 als Häftling in der Festung Niederschönenfeld einsaß: "haltloser Hurrapatriotismus", Ludwig Thoma sei „bereit, jeden Mord gutzuheißen“... "Ein solches Maß an Verlumpung ist doch wohl ungewöhnlich". In Lion Feuchtwangers „Erfolg“ wird Thoma 1930 in der bösartigen Figur des Dr. Matthäi verarbeitet." (Zitate u.a aus dem Münchner Merkur)

Aber bereits in jungen Jahren waren Thomas politischen Äußerungen schon ziemlich rechtsradikal. Korfiz Holm, 15.9.1899: „Thoma [. . .] in der Redaktion - das scheint mir mehr als bedenklich. [. . .] Denn Thoma ist sehr einseitig, Antisemit, Antidreyfusard etc. und will seine Überzeugung mit großer Starrköpfigkeit durchsetzen. Zudem steht er in seinem literarischen Urteil auf dem Standpunkt eines Nachtwächters, erklärt, um nur ein Beispiel zu nennen, alles für Dreck, was ein Frauenzimmer geschrieben hat usw. Ich fürchte, er ist für den Simplicissimus gar zu ,krachledern'."
"Der Antisemitismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben", so Martin A. Klaus.
 


I
n seinen letzten Lebensjahren rief Thoma die radikalen Kräfte sogar unverhohlen zu Gewalttaten und zum Mord auf. Thoma habe mehrere Mordanschläge förmlich herbeigeschrieben, nicht zuletzt den Mord an dem Zentrumspolitiker und Ex-Finanzminister Matthias Erzberger:

24.4.1921. "... dass der Erzlu ..., äh der Erzberger will ich sagen, hinter den Kulissen schon lange wieder sein Unwesen treibt"

3.5.1921: Hitler bezeichnet Erzberger als Erzlumpen.
Thoma forderte am 17.8.1921 "schafft reine Luft!"

26.8.1921:  Ludwig Thoma stirbt 54-jährig an Magenkrebs.

Am selben Tag wird Erzberger von zwei Mitgliedern der rechtsradikalen Organisation Consul erschossen.


Mit dieser Edition von Wilhelm Volkert
"stürzte Thoma 1989 vom Postament
eines 'Bayerischen Nationaldichters'"
(so Bernhard Gajek,
Ludwig Thoma, Philosemitismus . Antisemitismus)


Noch deutlicher im Fall des Landtagsabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden der "Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD)" im bayerischen Landtag, Karl Gareis, der u.a. offensiv gegen den Wehrverband 'Freikorps' Stellung bezogen hatte.

Thoma: "Wie ist's nachher ... ? Schauen wir zu, dass nochmals der rote Fetzen durch München getragen wird ? Oder schlagen wir jeden Hund tot, der das arme Vaterland in neues Verderben stürzen will ?"

Sechs Tage später, am 9. Juni 1921, schoss ein Unbekannter Karl Gareis eine Kugel in den Kopf.

(Quellen u.a. Süddeutsche Zeitung)

        
Erdichtetes Leben

Thoma erschrieb sich eine geschönte Vergangenheit.
Martin A. Klaus legt die Diskrepanz zwischen Realität und Behauptung offen:
"Thomas phantasievollstes Werk" -  Unglaublich vieles stimme nicht.

"Er war aggressiv, weil er sich zurückgesetzt fühlte,
und weil er sich zurückgesetzt fühlte,
machte er seinen Aggressionen stets dort Luft,
wo er der Zustimmung einer Mehrheit sicher sein durfte.
Dies, und keine politische Grundüberzeugung, war Triebfeder seines Handelns."

„Meine ersten Erinnerungen knüpfen sich an das einsame Forsthaus, an den geheimnisreichen Wald, der dicht danebenlag, an die kleine Kapelle, deren Decke ein blauer, mit vergoldeten Sternen übersäter Himmel war.“

"Kurz nach seinem 50. Geburtstag 1917 begann Thoma seine Erinnerungen aufzuschreiben. Sein Leben lag in Scherben, beruflich und privat. Er flüchtete in eine geschönte Vergangenheit, erschrieb sich eine Herkunft aus geordneten Verhältnissen, die in einem augenfälligen Kontrast zur Realität steht. Martin A. Klaus legt diese Diskrepanz offen und schafft ein geradezu psychoanalytisch gefärbtes Bild des Schriftstellers, das es in der Form noch nicht gegeben hat."

 


Google-Vorschau-Bilder
Wer war Ludwig Thoma, wer war er wirklich? Ein Kraftprotz in Lederhose mit Hang zu exotischen Frauen. Ein Jäger, Bauernanwalt, Bohemien, einer, der auf Fotos niemals lächelt und der trotzdem zotig seine Witze reißt ...  (BR)

Kann man Werk und Person voneinander trennen ?
'
Die Frage ist, ob man sich Teilen seines Werks nähern kann, ohne seine Biografie mitzudenken.'
"Je mehr man sich mit dieser Figur beschäftigt, desto unsicherer wird man im Urteil.“ (Quelle: Neuburger Rundschau)
 


Martin A. Klaus
, geboren 1938 in Bernau am Chiemsee, studierte in München Kommunikationswissenschaften und war rund vierzig Jahre lang als Redakteur und danach als Autor für die ›Süddeutsche Zeitung tätig. Dort baute er die Lokalredaktion Dachau auf und leitete diese achtzehn Jahre lang, ehe er in die Hauptredaktion zurückkehrte. Martin A. Klaus schrieb in den letzten Jahren für die SZ vor allem eine Unzahl von Artikeln zu Ereignissen im Münchner Westen, im Würmtal und selbstverständlich auch in Gräfelfing, insbesondere auch über Veranstaltungen der Literarischen Gesellschaft.

Daneben verfasste Martin A. Klaus eine Biographie des im Raum Dachau beheimateten Räubers Mathias Kneissl. Außerdem erschienen von ihm in der ›Süddeutschen Zeitung Edition‹ die Wanderbücher ›Jennerwein und der schöne Toni‹ und ›Unterwegs im Bayerischen Wald‹. Klaus verfasste zwei Theaterstücke in bayerischer Mundart.

Badische Zeitung Das weiß-blau-braune Chamäleon -  Süddeutsche Zeitung  "Der Antisemitismus zieht sich durch"- Jüdische Allgemeine: Säulenheiliger und Antisemit -  Dachau sucht nach dem richtigen Umgang - Martin A. Klaus in der Dachauer SZ: "Ziemlich schnell unbeliebt"
 


BR Mediathek

Überragt das Werk manchmal den Menschen, der es geschaffen hat ?
 


Die Ludwig-Thoma-Medaille der Stadt München wurde nach 1989 nicht mehr verliehen. Danach ist Ludwig Thoma aus vielen Spielplänen verschwunden, auch wenn oft, wenn es harmoniesüchtig um den populären Bayern-Dichter Thoma geht, gnädig der "Mantel des Schweigens" über seine Verfehlungen gebreitet wird. Allenfalls reicht es zu einem dürren Halbsatz wie "...
verfasste aber auch Hetz-Pamphlete." 
Anlässlich seines 150. Geburtstages war er in zahllosen Zeitungsfeuilletons vertreten. Die Anzahl von Jubiläumsveranstaltungen hält sich jedoch in Grenzen. Thoma hat sich wohl selbst vom Sockel gestoßen
.
Seine Büste steht nach wie vor in der Münchener Ruhmeshalle.