Süddeutsche Zeitung, 11.11.06

 

Spätes Erwachen

Peter Stamm stellt seinen neuen Roman in Gräfelfing vor

Gräfelfing Andreas ist Lehrer. Er unterrichtet an einer Vorortschule in Paris, jener Stadt, die er als Schüler, noch als Student nur als Filmkulisse kannte und in der er sich heute, 20 Jahre nachdem er hierherkam, immer noch wie ein Statist bewegt. "Die Leere war sein Leben", heißt es in dem Roman "An einem Tag wie diesem", dem jüngsten des Schriftstellers Peter Stamm. Am Donnerstagabend stellte Stamm sein Buch vor der Literarischen Gesellschaft in Gräfelfing vor. "Ein besonderes Sensorium für die Themen unserer Zeit" bescheinigt Wolfgang Pollner, Vorsitzender der Vereinigung, seinem Gast. Er habe den Protagonisten Andreas als einen typischen Vertreter seiner Generation empfunden, jener Generation, der auch der Autor angehört - Stamm ist Jahrgang 1963.

Er selber habe sich nicht vorgenommen, mit "An einem Tag wie diesem" die Geschichte seiner Generation zu schreiben, sagt Stamm im Gespräch. Er erzähle von Menschen und ihren Lebenswegen. Sein Protagonist Andreas kam wegen einer Frau nach Paris, Fabienne, in die er verliebt war, die aber einen Kommilitonen heiratete und kurz nach Andreas' Ankunft in Paris in die Schweiz umzog. Andreas blieb da, fand sich in sein Schicksal.

Erst, als er sich wegen eines hartnäckigen Hustens die Lunge durchleuchten lassen muss und ein Krebsverdacht auftaucht, erwacht Andreas aus seiner Lethargie. Es müsse eine Gewebeprobe entnommen werden, wird ihm mitgeteilt. Er wird nicht gefragt, es wird ihm nichts befohlen. "Einem Objekt erteilte man keine Befehle, mit einem Objekt verfuhr man." Andreas wartet die Diagnose nicht ab, er macht sich davon. "Es war, als habe er die Kontrolle über sein Leben zurückgewonnen."

Stamm erzählt schnörkellos und äußerst reduziert. "Ich will eine neutrale Sprache", sagt er auf Nachfragen in Gräfelfing, "die Sprache soll verschwinden hinter den Bildern, die beim Leser entstehen, sie soll zur Sprache des Lesers werden." In seinen früheren Romanen "Agnes" oder "Ungefähre Landschaft" war diese Reduziertheit, die seziererische Schärfe seiner Sätze noch vehementer. Er sei über die Jahre ausführlicher geworden, auch sanfter, sagt Stamm. "Je älter man wird, desto netter geht man mit seinen Figuren um. Heute lasse ich nicht mehr so schnell einen sterben."

Der in Winterthur lebende Autor hat weder in seinem Vortrag einen Schweizer Akzent noch verwendet er Schweizer Besonderheiten in seiner literarischen Sprache. "Meine Geschichten spielen nicht in der Schweiz", sagt er, "also sind Helvetismen nicht nötig." Sein Schweizer Kollege Peter Bichsel hat einmal gesagt, es gebe keine Schweizer Schriftsteller, sondern es handele sich dabei um Schriftsteller aus der Schweiz. Jenseits des Schreibens versteht Stamm sich durchaus als aktiven Schweizer Bürger. Er engagiert sich seit Jahren in der Umweltpolitik, steht derzeit auf einer Wahlliste der Grünen. SABINE ZAPLIN

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.260, Samstag, den 11. November 2006 ,