Süddeutsche Zeitung zu
"Gustaf und sein Ensemble"
 
04.12.2003 SZ
Das Glück ist ein blauer Luftballon

Gustaf und sein Ensemble zeigen in Gräfelfing bezauberndes Marionetten-Varieté

Gräfelfing - Dass erwachsene Menschen mit Puppen spielen, sei schon eine merkwürdige Sache, sagte Puppenspieler Albrecht Roser zu Beginn des Marionettenabends im Gräfelfinger Bürgerhaus. Das hoch geschätzte Publikum merkte jedoch bald, dass Marionetten eine ziemlich ernste und erwachsene Angelegenheit sind. Dann nämlich, wenn die Figuren so meisterhaft geführt werden, dass wir sie als Stellvertreter, als Menschlein mit Eigenschaften und Seele betrachten und den Schöpfer und Dirigenten nicht mehr wahrnehmen.


Theaterdirektor Albrecht Roser arbeitet nicht verdeckt, sondern zieht im Halbschatten die Fäden, was etwa im Fall des langbeinigen Storchs, der einen Morgenspaziergang macht und dabei die Flügel zurecht zupft, oder beim Frosch, der im Bigband-Sound swingt, eine Meisterleistung an Konzentration und Koordination ist

Marionetten halten uns Menschen einen Spiegel vor; sie parodieren unsere aufgeblasene Eitelkeit, unsere Entscheidungsschwäche, unsere verdammte Verlogenheit und Lebensuntüchtigkeit; weil aber die Stellvertreter sich so rührend abmühen, versöhnen sie uns mit ihren/unseren Marotten – und dafür lieben wir sie. Dass der Geheimrat Ambrosius bei seiner Gastvorlesung nur Blabla von sich gibt – was soll man sonst erwarten? Und in Fräulein Lulla erkennt man mühelos eine „zeitlose Zeiterscheinung“. Unheimlich lebensnah auch der Leierkastenmann mit dem Holzbein, der – tak, tak, tak – über die Bühne humpelt. Traurig! Aber dass Glück eine flüchtige Sache ist, weiß jedes Kind. Warum also zieht es in der Magengrube, wenn der Clown Pünktchen dem Glück in Gestalt eines blauen Luftballons hinterher jagt, einem Glück, das sich entzieht, ihn narrt und immer dann ganz nahe ist, wenn er ihm den Rücken zukehrt ?
Sogar dann, wenn die Puppen gar keine mehr sind, sondern skurrile Gebilde aus Kugeln und Tüchern, die zu spanischer Musik tanzen wie stolze Señoritas, ist die Illusion perfekt. Roser hat Bewegungsabläufe so genau studiert, dass der Reigen eines achtbeinigen Spinnen-Monsters wirkt, als sei es eine Nummer im Chinesischen Staatszirkus.

   

Star der Truppe ist Gustaf („mit f“). Bei Gustaf ist die Metamorphose vollzogen, Gustaf ist starrsinnig, schlau, sehr musikalisch. Er reitet, spielt Klavier und triezt seinen Meister. Wer hier die Fäden zieht, ist noch keineswegs raus. Gustaf, das ist der etwas jüngere Bruder von Oma, Oma aus Stuttgart, die, strickend im Ohrensessel, nicht nur Maschen, sondern auch kleine Bosheiten über Gräfelfing fallen lässt. Ihr Auftritt, der einzige, bei dem Roser spricht, ist nett; und das Publikum weiß natürlich Bescheid, wenn Oma bis zum Anschlag schwäbelnd ewige Ärgernisse (zum Beispiel Schlaglöcher in der Bahnhofstraße) zur Sprache bringt und übers Altwerden „kabarettelt“. Schöner als die etwas brave Einlage für die Gastgeber von der Literarischen Gesellschaft ist dann aber doch der Auftritt des gepiercten Elefanten, der am Ende laut trötend das Publikum aus der Verzauberung befreit.


RITA BAEDEKER