14.03.03     Süddeutsche Zeitung

Von der Mütterlichkeit: HansJoachim Maaz untersucht den Lilith-Komplex. Foto.: Rebhan

 

Mutterlose Gesellschaft

Neues Buch: Hans-Joachirn Maaz spricht in Gräfelfing

Gräfelfing - Das wollten die Frauen aus dem Würmtal - und unter ihnen sogar zwölf Männer - dann doch wissen, was es auf sich hat mit dem Lilith-Komplex und den dunklen Seiten der Mütterlichkeit. Gut gefüllt war der Saal des Bürgerhauses Gräfelfing, wohin Wolfgang Pollner, Chef der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing, den Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz aus Halle, zu einer Lesung aus dessen neuestem Buch eingeladen hatte. Was sich in den Köpfen und Herzen während dieser sehr intensiven neunzig Minuten abspielte, davon gab die von Pollner eher knapp gehaltene Diskussion allerdings nur wenig preis. Doch am Büchertisch stand frau dann Schlange, um schwarz auf weiß nach Hause zu tragen, was Maaz den Frauen aus dem westlichen Kulturkreis als der "mutterlosen Gesellschaft" ohne Umschweife und in klarer Sprache jenseits von jeglichem Fachchinesisch ins Stammbuch geschrieben hat: Weil Mütterlichkeit im Patriarchat keinen Stellenwert hat, konnten ihre Qualitäten, etwa die, offen Gefühle zu leben, nicht entwickelt werden. Entsprechend geschädigte Mütter sorgen für frühkindliche Schäden, an denen eine ganze Gesellschaft krankt. Machtmissbrauch, Abhängigkeit, Sucht, und sogar ständig neue Lust am Krieg seien die Folge. Hans-Joachim Maaz, ein sehr lebendiger Mann von 60 Jahren, ist Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses Halle.

1990 hatte sein erstes Buch, '"Der Gefühlsstau - ein Psychogramm der DDR", für große Aufmerksamkeit gesorgt. Auf der Basis der Erkenntnisse von damals, als nach der Wende eine Welle psychischer Krankheiten aufbrach, forschte er weiter und gelangte schließlich zur Formulierung des Lilith-Komplexes. Die eigentliche Lesung an diesem Abend blieb kurz. Den größeren Teil der Zeit sprach der Autor frei über seine Motivation für diese Forschungsarbeit, über seine Erkenntnisse aus der therapeutischen Praxis, über die Rückschlüsse auf den Zustand der Gesellschaft, und über sein Anliegen, dem verloren gegangenen Wert Mütterlichkeit wieder eine Basis zu geben.

Zweierlei mag Hans-Joachim Maaz von vielen seiner Kollegen unterscheiden. Er sei, sagte er, durch seinen Beruf "ständig mit der Arbeit an sich selbst konfrontiert" Vielleicht hätte er "besser Patient als Therapeut werden sollen". Zum anderen hat er die übliche Gesprächstherapie als nicht geeignet empfunden, "die frühkindlichen Schädigungen zu einer persönlichen Erfahrung zu machen" und sie durch körperorientierte Therapietechniken, die das Aufbrechen von Wut und Trauer ermöglichen, ersetzt. Die Wunden seien zwar nicht geheilt, aber bewusst geworden. Genau dies sei es, bewusstes Erkennen, aus welchen Tiefen Verhalten oft gespeist wird, was Hans-Joachim Maaz mit der Offenlegung des Lilith-Komplexes erreichen will.

INGRID ZIMMERMANN


Lilith und die Frau von heute

Gräfelfing - Im jüdischen, nicht im christlichen Schrifttum, so hat es Autor Hans-Joachim Maaz herausgefunden, ist Lilith noch enthalten, die erste Frau Adams, aus der gleichen Erde geschaffen und ihm ebenbürtig - auch sexuell eigenständig. Es kommt zum Machtkampf. Lilith will die absolute Dominanz Adams nicht anerkennen. Unversöhnt verlässt Lilith zornig das Paradies. Gott schiebt ihr, nun auch zornig, die Dämonenrolle zu, Verführerin und Kindstöterin solle sie fortan sein. Für Adam schafft er eine zweite Gefährtin: Eva. Sie ist ihm für immer untertan.

Luther, davon ist Maaz überzeugt, hat eine entsprechende Bibelstelle bewusst falsch übersetzt. Im hebräischen Original sei klar enthalten, dass es Lilith gegeben hat. Der Pastor aus Halle ließ den Hinweis weg. Lilith jedoch, das weiß der Seelenarzt, lebt als Schatten in den Frauen, wird verdrängt und kompensiert. Herauskommt für die Kinder, so formuliert er es in seinem Buch, ist der "Mutter-Mangel", die Mutter, die durch innere oder äußere Gegebenheiten nicht ausreichend für ihr Kind da sein kann, oder die "Mutter-Vergiftung", die besonders schädlich ist. Hier wird das Kind manipuliert dadurch, dass ihm ständig gesagt werde, es sei doch so geliebt und die Mutter tue alles. Drum solle es auch seinerseits alles tun, wie die Mutter es wolle. Eine praktizierte Version, so der Autor, sei, dem Kind klar zu sagen, dass die Kraft der Mutter im Augenblick nicht ausreiche, "zuzugeben, ich kann jetzt mal nicht". So könne das Kind wüten oder trauern und müsse nicht in eine neurotische Kompensation gehen.

iz.