09.10.03     Süddeutsche Zeitung

Pointiertes aus Bayreuth

Brigitte Hamann stellt Buch über Winifred Wagner vor

Gräfelfing – Wie muss es gewesen sein, als die ersten Reihen im Bayreuther Festspielhaus mit Nazi-Schergen besetzt waren, die Tristan nicht von Isolde unterscheiden konnten? Als ein einstiger armseliger Schlurf aus Österreich plötzlich die erste Geige spielte im Deutschen Reich, während seine glühende Verehrerin Winifred Wagner tonangebend war in der Villa Wahnfried? Die Historikerin Brigitte Hamann hat sich mehrere Jahre sehr genau auf dem Grünen Hügel umgesehen, hat in Archiven gewühlt, Tausende Briefe gelesen und war während ihrer . Zeitreise Gast im Hause Wagner Das Ergebnis ihrer Recherchen hat sie auf gut sechshundert Seiten unter dem Titel "Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth« zusammengefasst. Aus vielen bisher unbekannten Quellen ist ein Buch voller Zündstoff entstanden, das ein neues Licht auf Bayreuth wirft und die Beziehungen zwischen Hitler und der Familie Wagner offen legt, so offen, dass die Historikerin bei den jüngsten Festspielen keine Eintrittskarte mehr erhielt.

Dienstagabend im Gräfelfinger Bürgerhaus  lernten etwa 100 Besucher die Frau kennen, die den Mut hatte, ins zischende Schlangennest der. Wagners zu stechen und einigen der Erben des großen Meisters die schützende Patina vom braunen Deckmantel zu kratzen. 1995 war die in Essen geborene und in Wien lebende Brigitte Hamann schon einmal in Gräfelfing gewesen. Damals stellte sie das inzwischen zum Standardwerk gewordene "Hitlers Wien - Lehrjahre eines Diktators" vor, an das ihr jüngstes Buch nun anknüpft. Brigitte Hamann verzichtete darauf, aus ihrem aktuellen Bestseller vorzulesen.  Sie sprach zur Freude der Besucher frei über sich, die Historiker im allgemeinen und über die unselige, gleichwohl spannende Verquickung von Politik und Kunst im Festspielhaus während der Naziherrschaft. Die Autorin brillierte an diesem Abend mit witzigen und pointierten Schilderungen ihrer Forschungsarbeit und der Zustände im Wagner-Clan. Man spürte förmlich, wie spannend Brigitte Hamann heute noch ihre Recherchen in Bayreuth empfindet. Laut ihren Schilderungen verweigerte die traditionell zerstrittene Familie Wagner ihr den Zugang zu wichtigen Unterlagen, stachelte damit aber nur ihren Ehrgeiz an. Über andere Quellen kratzte sie dennoch am Mythos der Erben Richard Wagners. Die Ergebnisse ihrer Recherchen hätten sie dabei mitunter selbst überrascht, sagte sie. Winifred Wagner, jene Engländerin, die ihren "Wolf "bis zu ihrem Tod 1980 verehrte, hatte nachweislich vielen Juden und Kommunisten geholfen. Andere hingegen, wie ihr Sohn Wieland, der nach 1945 gerne verächtlich auf seine "Nazi-Mutter" deutete, waren Mitglied der NSDAP. „Das war so leicht zu ermitteln", sagte die Historikerin, die auch Sinn für Humor hat. So kann sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie von jenen Frontsoldaten erzählt, die zu Propagandazwecken nach "Bayreuth gekarrt" worden seien. Quasi vom Schützen- zum Orchestergraben. Erst nach Intervention von Winifred sahen sie die "Meistersinger". Ursprünglich vorgesehen war "Tristan und Isolde". Bekanntlich lässt Wagner seinen schwer getroffenen Tristan lange leiden und erst im dritten Akt sterben. "Und das vor verwundeten Soldaten", lacht die Historikerin.

MICHAEL MOROSOW