9.10.03     Münchner Merkur

Stolz auf Hitlers Anhänglichkeit

Hamann über Winifred Wagner
VON LEO ERNSTBERGER

Gräfelfing - Selten ist die jüngste Vergangenheit so ernsthaft diagnostiziert worden wie heute - der Vortrag "Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth" von der Wiener Historikerin Brigitte Hamann ist ein Beispiel dafür. Im gut besuchten Gräfelfinger Bürgerhaus herrschte gespannte Erwartung, als der Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft die 1940 in Essen geborene Autorin vorstellte. Schon vor acht Jahren präsentierte sie hier ihr Buch "Hitlers Wien“.

Brigitte Hamann breitete sofort eine informatorische Fülle aus - in einem persönlichen Kolleg - über das Schreiben von Zeitgeschichte und ihre eigenen ungewöhnlichen Prinzipien. Eine Lesung aus ihrem Werk "Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth' erschien der Verfasserin zu "langweilig", wichtiger sei die Art ihrer Themenfindung und die unübliche Art, diese aufzuarbeiten. Sie bevorzuge die Archivarbeit (41 Archive für Hitlers Bayreuth"), bei der man manches findet, was man nicht gesucht hat. Beispielsweise recherchierte sie fünf Jahre für ihre Dissertation, aus der dann das Buch "Rudolf, Kronprinz und Rebell" entstand. Schon damals erkannte sie eine vielleicht noch zu untersuchende Beziehung zur Planegger Adelsfamilie von Hirsch. '

Die Grundfrage der Autorin lautet: "Wie kann man Geschichte verständlich machen ?" Die Historiker verurteilen und richten ihrer Meinung nach zu viel. Vielmehr käme es darauf an, den jeweiligen Zeitgeist und die Reaktion des Menschen darauf sichtbar zu machen. Und wie der Mensch verführbar, gutgläubig und von Propaganda abhängig sei, müsse der Historiker den "Missionsdrang" besitzen, Geschichte verständlich zu machen, indem er keine Partei ergreife: "Wenn ich glühende Wagnerianerin wäre, hätte ich nicht geschrieben". Aus den Quellen erkannte Hamann auch in Hitler den "unoriginellen Politiker", der nur kopiert habe, auch in seinen Reden. Daraus resultiert die Schlüsselfrage "Wie kann es möglich sein, dass ein aus dem Wiener Männerheim kommender junger Mann zum Hoffnungsträger einer ganzen Nation wurde?"

- Irgendein Glanz in den Augen -

Hamanns Methode vermittelt fundierte Einsicht, aber keinerlei Einseitigkeit: "Irgendein Glanz in den Augen", (Albert Speer) verrät eine Affäre mit Winifred gemäß Hamanns quellenmäßiger Einkreisungsmethode war Winifred "sehr stolz auf Hitlers Anhänglichkeit". Der Objektivierung dienen zahlreiche Nachweise, dass Winifred spontan, selbstverständlich, voll menschlicher Solidarität zahlreichen Juden Hilfe zuteil werden ließ. Hamann schnitt auch die komplizierten Beziehung zu Winifred Wagners Sohn Wieland an, wofür sie aufschlussreiche Detailarbeit geleistet hat, Themen wie das Ostjudentum, die Teilnahme von Frontsoldaten und Rüstungsarbeitern an den Kriegsfestspielen in Bayreuth sowie bereits in der "Hitlerzeit" einsetzende Lichtregie wären Kapitel für, sich.

- Für die ganze Welt der Teufel in Person -

~ Die nach dem engagierten Vortrag einsetzende Debatte über die Wagner einem Zitat aus ihrem Buch ein, das wohl alle offenen Fragen beantwortete: "Winifred, eine selbstbewusste Greisin, die ihre Zuneigung zu einem Mann offen gestand, der für die ganze Welt der Teufel in Person war. Damit erregte sie ungewohnt gemischte Gefühle vom Staunen bis zum Gruseln." Wer beim Heimweg durch den ersten Schnee dieses Jahres ging, musste sich, klar geworden sein, dass die Vergangenheit kein alter Schnee ist.