Mittwoch, 03.April 2019
 

Gemeindebücherei im Bürgerhaus Gräfelfing
am Bahnhofsplatz
  

In Zusammenarbeit mit der


Gunna Wendt


Foto: © Dieter Schnöpf


Erika Mann
und
Therese Giese

Eine Liebe zwischen
Kunst und Krieg

Lesung und Gespräch

 

Die beiden Frauen hätten unterschiedlicher nicht sein können: Erika Mann, die als Autorin talentierte älteste Tochter von Katja und Thomas Mann, und Therese Giehse, die geniale und beliebte Theaterschauspielerin. Beide bereits etabliert, als sie sich kennen lernten, wagten sie bald darauf einen Neubeginn.

Sie gründeten mit Klaus Mann und Magnus Henning das politische Kabarett Die Pfeffermühle, das am 1. Januar 1933 in der Nähe des Münchner Hofbräuhauses die Premiere des ersten Programms feierte. Erika schrieb die Texte, mit denen Therese brillierte. Doch bereits zwei Monate später mussten die beiden Frauen, die nicht nur ihr Kabarett-Projekt, sondern auch eine problematische Liebesbeziehung verband, vor den Nazis ins Schweizer Exil fliehen. Ab September 1933 wurde u.a. in Zürich und auf Tourneen erfolgreich gespielt.

1937 trennten sich die Wege der beiden ungleichen Frauen, von deren Schicksalsjahren Gunna Wendt in ihrem einfühlsamen Doppelporträt erzählt.

Gunna Wendt stammt aus Jeinsen bei Hannover. Sie hat Soziologie und Psychologie studiert und ihre Magisterarbeit über Paula Modersohn-Becker geschrieben. Seit 1981 lebt sie als Autorin, Publizistin und Kuratorin in München.

Sie hat rund 20 Bücher geschrieben, u.a. Biografien über Liesl Karlstadt, Helmut Qualtinger, Paula Modersohn-Becker, Maria Callas, Franziska zu Reventlow, Lou Andreas-Salomé und Rilke, Lena Christ, Ruth Drexel, Maria Pawlowna, Zarin Alexandra, Lisa Della Casa und Die Bechsteins. veröffentlicht.

Im Februar 2011 wurde sie in den Kreis der Münchner Turmschreiber berufen. 2017 wurde sie mit dem Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet. ("die  Schwabinger Bohème wiederauferstehen lassen").

                      
 

  
Den Namen 'Die Pfeffermühle' hat Erika Manns Vater Thomas Mann erfunden. Bei einer Familiendiskussion über den Namen von Erikas geplantem Kabarett am Esstisch zeigte er auf die Pfeffermühle  und fragte: „Wie wär’s denn damit?“

Liebesbeziehung und Freundschaft


Therese Giehse
geboren: 06.03.1898
gestorben: 03.03.1975


1927 lernten sich Thomas Manns Tochter Erika und Therese Giehse bei einer gemeinsamen Freundin kennen. Es habe an diesem Abend zwischen den beiden 'gefunkt', erinnert sich Golo Mann. Hier die moderne, androgyne, hübsche Frau, die sich ausprobiert, dort die im Dienst des Theaters stehende, über alle Attraktivität erhabene Schauspielerin. Mit Erika Mann wird Therese ein Kabarett gründen und eine Liebesbeziehung eingehen. Erika ist seit Juli 1926 noch mit Gustaf Gründgens verheiratet.

Gunna Wendt zieht im Nachwort ihres Buches ein Fazit: "Sie hatten die Chance, ein Traumpaar zu werden und zu bleiben, ... denn sie waren so gegensätzlich, wie man überhaupt nur sein kann, und das scheint oft die Basis großer Liebesbeziehungen und Freundschaften zu sein. ... Auch äußerlich bildeten die beiden von Anfang an ein eindrucksvolles Gegensatzpaar: die junge Therese war dick und rothaarig, Erika dunkelhaarig und mager - wie ein wilder Zigeunerjunge, so ihr Bruder. ... doch irgendwann mischt sich die Entdeckung des Gemeinsamen in die Betrachtung: Beide vermieden es lebenslang, über sich selbst zu sprechen, und wenn es möglich war, so wenig wie möglich von sich preiszugeben. Thereses Ausspruch 'Ich hab nichts zum Sagen' ist legendär und zum Titel des Gesprächsbandes von Monika Sperr geworden. Klaus Mann wusste, dass auch seine Schwester ungern über sich redete und es noch weniger mochte, wenn andere mit ihr über sie sprechen wollten.'  Therese stand zu ihrer 'Alleinigkeit', Erika lebte in 'turbulenter Einsamkeit', wie Thomas Mann einmal bemerkte.... Das Exil, in das sie gemeinsam gingen, erwies sich als Beziehungsstörer, sodass eine Trennung unvermeidlich war. ...  Die Freundschaft blieb lebenslang bestehen."
 



Erika Mann
geboren: 09.11.1905
gestorben: 27.08.1969

Inge und Walter Jens schreiben in ihrem Buch 'Frau Thomas Mann' u.a. "Katja Mann war erfahren in der Welt der Homoerotiker; das Problem hatte sie von Jugend an begleitet, und die Zuneigung ihres Zwillings zu ihrem späteren Mann war nicht ohne Einfluss auf ihre Wahl gewesen. ... dass gleichgeschlechtliche Liebe in der Arcisstraße kein Thema war, und die Souveränität, mit der jeweilige Freunde und Freundinnen der Kinder im Herzogparkhaus aufgenommen wurden, sowie die Selbstverständlichkeit, mit der Katja Mann die Bindung zwischen Therese Giehse und Erika bzw. Klaus und seinen häufig wechselnden Freunden behandeln wird, machen deutlich, dass in ihrem Umkreis nicht etwa das Geschlecht sondern die 'Präsentabilität' zählte. "

rechts: Ludwig von Hofmann, "Die Quelle", ein Gemälde mit  drei Jünglingen, das im Arbeitszimmer von Thomas Mann hing, seit 1914 bis zu seinem Tode .  -  (aus Pinterest)

Therese Giehse

1904


Das Geburtshaus von
Therese Giehse in der Herzog-Rudolf-Straße liegt nur wenige Schritte von den Kammerspielen entfernt, jenem Theater im Schauspielhaus, das im eigentlichen Sinn ihre Heimat war. Therese kam als jüngste Tochter des gutbürgerlichen jüdischen Kaufmannsehepaares Gertrude und Salomon Gift zur Welt. Irma, ihre Lieblingsschwester, gab ihr später den Künstlernamen Giehse. Zu den anderen, weit älteren Geschwistern, hatte Therese wenig Beziehung.  Sie entwickelte früh ein "alleiniges" Verantwortungsgefühl für sich selbst und entschloss sie sich trotz des Widerstands ihrer Eltern Schauspielerin zu werden. "Du bist doch überhaupt nicht schön, was willst Du da beim Theater:" Nach einer Reihe von »Lehr- und Wanderjahren« in der Provinz wurde Giehse 1926 nach München an die Kammerspiele geholt. Von ernsten und von komischen Rollen war das Publikum von ihr hingerissen,  darunter auch Thomas Mann und seine Familie. Sie wurde zu einer Jahrhundertschauspielerin. Therese erlebte  ihre Abenteuer auf der Bühne. Ihr Alltag bestand aus Lernen, Proben und Spielen. Und sie nahm jede Rolle ernst, allem voran Brechts Mutter Courage (Brecht:: "Die größte Schauspielerin Europas*). Dürrenmatt widmete ihr "Die Physiker". Filme: Das Antikriegsdrama "Kinder, Mütter und eine General", ein Flüchtlingstreck 1943 "Die letzte Chance". Aber auch als Anna Häusler (die Oma von 'Tscharlie') in den "Münchner Geschichten" von Helmut Dietl setzte sie sich ihr eigenes Denkmal.


in der Rolle der Mutter Courage - Günter Rittner 1966 wikipedia GNU license
BR: Video-Portrait (43:34) Bayern 2: Einstarker Charakter (22:24) WDR ZeitZeichen (6.3.2013)Wikipedia - FemBio - Le monde de Kitchi - Lemo -
Alemannia Judaica - Die Physiker 1964 - Briefmarke - Filmographie -
Gunna Wendt: "Nein, charmant und liebenswürdig  war sie nicht, aber gerade das war es ja, was Erika so liebte. Sie war so anders."
Portrait BR 1998: "Therese Giehse, Schauspielerin, in München geboren, in München gestorben. Dazwischen ein Leben an vielen Orten, in vielen Rollen.
Ein Leben, das sich wenige private Auftritte gönnte."

Gerhard Danzer: Europa, deine Frauen: Beiträge zu einer weiblichen Kulturgeschichte:  Er zitiert Monika Sperr, deren Mann Martin Sperr über Therese Giehse gesagt habe:
"Sie ist dickhäutig, Schläge prallen an ihr ab, dabei hat sie ein sehr zartes Gemüt. Sie ist nicht sehr empfindlich, aber sie ist äußerst empfindsam. Sie ist der letzte Elefant."


Therese Giehse starb 1975 drei Tage vor ihrem 77. Geburtstag in München.
Während der Gedenkfeier in den Münchner Kammerspielen starb der Regisseur Paul Verhoeven an Herzversagen, 
als er während der ersten Sätze seines Nachrufs auf Giehse zusammenbrach.
Therese Giehse wurde auf ihren eigenen Wunsch auf dem Friedhof Fluntern in Zürich begraben.
 


1933
Foto © Annemarie Schwarzenbach
- siehe dazu auch Spiegel online 26.3.2019


Erika Mann

Erika ist die Erstgeborene der insgesamt sechs Kinder von Katja und Thomas Mann. Erika war das extrovertierte und lustige Kind, das alle aufs Höchste amüsierte, vor allem den Vater. "Die gewisse Vorliebe, die er für mich hatte, lag daran, dass ich ein so großer Aff' war. Ich habe alle Leute nachgemacht, und nichts hatte er lieber als Darbietungen."  Sie war frech und log, was das Zeug hielt. In der Familie Mann muss man sich etwas einfallen lassen, wenn man aus dem Schatten des Übervaters heraustreten will. Jedes Kind wird früher oder später literarisch tätig sein. (Zitate aus dem arte-Film "Die große Literatur")
Erika widmete den größten Teil ihres Lebens der Literatur, dem Theater und Kabarett, spielte auf den Bühnen Deutschlands und im Ausland, war politisch aktiv und managte als "Sekretärin und Tochter-Adjudantin" selbstbewusst das "Großunternehmen Thomas Mann". Sie reiste um die Welt und erkundete nicht nur äußere, sondern auch innere Welten mithilfe von Drogen. Und sie liebte das Autofahren. So gewann sie 1935 eine 10.000 km-Rallye durch Europa.


Wikipedia  - Thomas Mann Monacensia - Literaturportal - Deutsche Biographie - Buddenbrookhaus: Zeittafel - Fembio - LeMO - BR Kabarett im Exil - BR- "Sekretärin und Tochter-Adjudantin"  -  PerlentaucherRowohlt - Juliana Brina in The blank garden - u.v.m.
               

Sekundärliteratur (Auswahl):

  • Helga Keiser-Hayne: Erika Mann und ihr politisches Kabarett „Die Pfeffermühle“ 1933-1937: Texte, Bilder, Hintergründe. Reinbeck: Rororo 1995.

  • Barbara Murken: Gedanken zum Kinder- und Jugendwerk von Erika Mann. Münster: Geisenheyner 1995.

  • Armin Strohmeyr: Klaus und Erika Mann. Les enfants terribles. Berlin: Rowohlt 2000.

  • Ute Kröger: „Wie ich leben soll, weiß ich noch nicht.“ Erika Mann zwischen „Pfeffermühle“ und „Firma Mann“. Ein Porträt. Zürich: Limmat 2005.

  • Viola Roggenkamp: Erika Mann. Eine jüdische Tochter: Über Erlesenes und Verleugnetes in der Familie Mann-Pringsheim. Frankfurt/Main: S. Fischer 2008.

  • Irmela von der Lühe: Erika Mann. Eine Lebensgeschichte. Reinbek: Rowohlt 2009.

  • Uwe Naumann: Fahrt ohne Schlaf: das ungewöhnliche Leben von Klaus und Erika Mann. München: Bayerischer Rundfunk 2009.

  • Signe von Scanzoni: Als ich noch lebte: Ein Bericht über Erika Mann. München: Piper 2012.

  • Anke Hertling: Eroberung der Männerdomäne Automobil: die Selbstfahrerinnen Ruth Landshoff-Yorck, Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach. Bielefeld: Aisthesis 2013.

Quelle: FemBio

Hörburger, Christian.: Nihilisten - Pazifisten - Nestbeschmutzer. Gesichtete Zeit im Spiegel des Kabaretts.

Die Pfeffermühle






Giehse: „Ich bin die Dummheit, hört mein Lied.“
Foto: Monacensia

„Jetzt wollen wir was Hübsches singen“
Mit diesem Vers begann in München am 1.Januar 1933 das erste Programm der Pfeffermühle

Ende 1932 gründete Erika Mann zusammen mit ihrem Bruder Klaus, Therese Giehse und dem Pianisten Magnus Henning das politisch-literarische Kabarett „Die Pfeffermühle“. Am 1. Januar 1933 trat "Die Pfeffermühle" zum ersten Mal in der von Adolf Gondrell (1902-1954) geführten "Bonbonnière" auf. Fast alle Texte verfasste Erika Mann selbst, und sie versuchte zusammen mit ihren Mitstreitern vor der drohenden Gefahr der Nazi-Herrschaft zu warnen. Erika Mann: "Unleugbar standen wir 'im Einsatz', allen voran die Giehse. Denn während der Zündstoff von mir kam - etwa 85 Prozent der Texte lieferte ich, zu etwa 10 Prozent war Klaus vertreten, und das Restchen entstand am Rande -, war doch besonders sie es, die zündete." Die satirischen Programme mit getarnten politischen Attacken waren ein kurzlebiger Höhepunkt der Münchner Kabarettszene. Die Botschaften wurden verstanden, von Anhängern wie von Gegnern. Das Ensemble flüchtet im März 1933 nach Zürich und wird zum bedeutendsten Vertreter des deutschsprachigen Exilkabaretts. An das höchst erfolgreiche Gastspiel in Zürich schließt sich eine Europa-Tournee an (1935 und 1936 Tournee durch Holland, Belgien, Luxemburg und die Tschechoslowakei.) Die Pfeffermühle wird mit über tausend meist ausverkauften Vorstellungen in fünf europäischen Ländern ein riesiger Erfolg. 1.034 Mal stehen sie auf der Bühne und greifen mit ihren spritzigen und geistreichen Chansons die brutalen Machthaber in Berlin an.

"Immer indirekt"

Während der Aufführung fallen jedoch keine Namen von Personen, Städten und Ländern: die Künstler spielen Parabeln, Märchen und Gleichnisse, um auf die politischen Zustände im nationalsozialistischen Deutschland aufmerksam zu machen:  Auf Themen wie Aufrüstung und Arbeitslosigkeit, die diktatorische Allmacht Hitlers und die Nachsicht, die ganz Europa mit ihm hatte, Antisemitismus, Lüge, Dummheit, Denunziation.  
Anatol Regnier und Monika Sutil gestalteten im Oktober 2006 bei der 'Literarischen Gesellschaft" einen Abend über die "Pfeffermühle". Und UIte Maria Lerner und Mark Weigel im März 2006 eine szenische Lesung auf den Spuren von Klaus und Erika Mann.



Therese Giehse in der Garderobe der "Bonbonniere", 1933
(Monacensia. Literaturarchiv und
Bibliothek München / Rowohlt Verlag)



Erika als Pierrot


Im November werden die Vorstellungen in Zürich massiv durch die nazistische Schweizer Front gestört. Erika verlagert ihre Aktivitäten nach Amsterdam. Am 20. Mai 1936 heiratet Giehse den homosexuellen englischen Schriftsteller John Hampson, um auf diese Weise einen britischen Pass zu erhalten und so dem Zugriff der Nationalsozialisten entgehen zu können. Und die ausgebürgerte Erika hatte zuvor den englischen Lyriker Wystan H. Auden geheiratet, um die britische Staatsbürgerschaft zu erhalten. 1936 gehen Erika Mann und Therese Giehse dann auch mit dem "Pfeffermühle"-Ensemble ins Exil nach New York, da ein Auftreten in Europa nur mehr unter Zensurauflagen möglich war. Doch der Versuch, als "Erika Mann's Peppermill" in New York erneut ein Publikum zu überzeugen, scheiterte: "Kabarett ist dem amerikanischen Menschen nicht bekannt". In Amerika gehen die Wege von Therese und Erika schließlich auseinander: Therese Giehse blieb die Kultur und vor allem die Sprache fremd, Erika Mann jedoch wollte dort ihren Weg gehen. Die Konsequenz war die Trennung. Therese Giehse und Magnus Henning kehrten nach Europa zurück. Erika Mann blieb in Amerika und versuchte durch Vortragsreisen die Amerikaner über die Gefahr, die vom nationalsozialistischen Deutschland ausging, aufzuklären.


Foto von 1947
   Süddeutsche Zeitung 7.3.2018 "Wie Wein und Wasser" - Besprechung des Buches 'Erika und Therese'
(Foto: ©  Münchner Stadtbibliothek / Monacensia)
 

Gunna Wendt

SWR1 Baden-Württemberg 2017

Über 'Erika und Therese":
PIPER - Leseprobe - Literaturportal Bayern Schicksalsjahre einer Liebe -  Süddeutsche Zeitung 7.3.2018 "Wie Wein und Wasser" -  Juliana Brina in The blank garden - Facebook  Veranstaltung -
 

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Laudatio Schwabinger Kunstpreis Über Gunna Wendts Kunst des Biografieschreibens - Münchner Turmschreiber - Interview im alpha-Forum - SWR1 Leute -