Mittwoch, 27. Januar 2016
20 Uhr
 

Bürgerhaus Gräfelfing am Bahnhofsplatz  


Knud von Harbou


Bildschirmfoto: ARD alpha a-Forum 10.11.2015
 

Als Deutschland
seine Seele retten wollte.

Die Süddeutsche Zeitung 1945 - 1955

Eintritt: 10 €
Schüler und Studenten: 5 €
Schülergruppen: 3 € pro Person
M
itglieder: frei

 

Am 6. Oktober 1945 erschien die erste Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Für den Druck wurde der Bleisatz von Hitlers „Mein Kampf“ eingeschmolzen. Das Blatt hatte vier Seiten und erschien zweimal pro Woche. So beginnt die Geschichte der mit der FAZ wichtigsten deutschen Tageszeitung.

Knud von Harbou hat in seinem Buch die Geschichte der Zeitung bis 1955 untersucht und dokumentiert. Die SZ-Artikel spiegeln die frühe Nachkriegszeit in allen Facetten wieder: Kriegsverbrecherprozesse, Entnazifizierung, die Entstehung zweier deutscher Staaten oder die Nöte des Alltags.

Deutlich wird auch, dass „die SZ keineswegs von Beginn an der Hort einer liberal eingestellten Redaktion war. Diesen Ruf hat sich die Zeitung erst viele Jahre später verdient“ (FAZ).

Knud von Harbou wird diese Geschichte spannend und ungeschönt erzählen.

 Knud von Harbou stammt aus Bremen und wuchs in München auf. Der Historiker und Germanist arbeitete als Verlagslektor, dann als Sachbuchredakteur, dann als stellvertretender Ressortleiter des SZ-Feuilletons, später war er  Programmgeschäftsführer im S. Fischer Verlag. Er hatte Lehraufträge an mehreren Universitäten. Lebt in Tutzing. Seine Biografie des SZ-Mitbegründers Franz Josef Schöningh ("Wege und Abwege") erregte 2013 Aufsehen.

                      
 

Worüber man schwieg und schrieb.

Im Oktober 2015 auf Platz 2 der von SZ und NDR ermittelten Liste der
»besten Sachbücher des Monats«.

Der für die Planung der Süddeutschen Zeitung zuständige US-Pressemajor Joseph Dunner bekräftigte,
"wer auch nur einen Tag bei der Partei war, kann nicht in der Redaktion sein".

So kann man es immer noch im Internet lesen, und zwar im sog. DokZentrum ( "ans Tageslicht.de") :

"Die Süddeutsche Zeitung (SZ) ist eine Nachkriegszeitung – sie hat keine historisch belastete Vergangenheit. Nachdem die Amerikaner Anfang 1945 nach und nach auch in Bayern die letzten deutschen SS-Bastionen und Wehrmachtstruppen zurückgedrängt hatten, war eine ihrer ersten Maßnahmen, alle Zeitungen stillzulegen, die sich mehr oder weniger in den Dienst der NS- Propaganda hatten stellen lassen.

Und das war jetzt neu: nur so genannte Lizenzverleger durften die deutsche Medienlandschaft wieder aufbauen. Nicht Geld bzw. Kapitalbesitz gab den Ausschlag, eine Zeitung gründen zu dürfen - die meisten Lizenzverleger der Nachkriegszeit hatten keines, weil sie im Dritten Reich entweder geächtet oder verfolgt worden waren. Ausschlaggebend für eine Lizenz war eine ‚reine Weste’, journalistisches Know-how und Engagement. So war es auch bei der SZ, die zum ersten Male am 6. Oktober 1945 erschien."

 

"Leuchtturm der Lizenzpresse"

Erstausgabe 6.Oktober 1945 - Quelle: SZ
mit den eingeschmolzenen Originaldruckplatten von „Mein Kampf“ und des „Völkischen Beobachters“ hergestellt
Absage an den "öden deutschen Zentralismus"


Im Oktober 1945 wurde die ›Süddeutsche Zeitung‹ gegründet. Die Ausgaben der frühen Jahre sind der Öffentlichkeit kaum mehr zugänglich. Sie erweisen sich als Fundgrube. ... Aufschlussreich ist auch, was ausgeblendet und worüber wie berichtet wurde.

Eine einzigartige Quelle zur Zeitgeschichte
Die damaligen Protagonisten - Redakteure, Politiker, Künstler, Literaten - erhalten in ›Als Deutschland seine Seele retten wollte‹ durch eine Ausleuchtung ihrer Biografien ein Gesicht. Die Artikel der ›Süddeutschen Zeitung‹ sind eine einzigartige Quelle zur Zeitgeschichte und eröffnen zugleich einen Zugang zum Verständnis der jungen Bundesrepublik.

Ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur
Für die Zeitgenossen und auch die Journalisten war die Vergangenheitsbewältigung ein schwieriger Prozess, zumal es nicht nur insgesamt in der Gesellschaft, sondern auch in der SZ Menschen, Redakteure und Herausgeber, gab, die ihr Verhalten im »Dritten Reich« mit gutem Grund verschleiert hatten. Die von Knud von Harbou erstmals erschlossenen Artikel eröffnen einen faszinierenden Blick in die Zeitung und aus ihr heraus auf die Entwicklung der jungen Bundesrepublik.
Text: dtv

Perlentaucher zu Frankfurter Rundschau, 30.09.2015  - deutsche Verdrängungsmalaise
Für den Rezensenten Wilhelm von Sternburg ist Knud von Harbous Bericht über die Frühzeit der Süddeutschen Zeitung spannendes Geschichtsbuch und Mosaikstein in der schmerzlich vermissten Aufarbeitung der Geschichte deutscher Nachkriegsmedien. Dass sich die SZ mit einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus schwer tat, um nicht zu sagen diesen heftig verdrängte, vermittelt der Autor dem Rezensenten anhand von historischen Erinnerungen, etwa an [...] die in Texten zutage tretende rechte Gesinnung.

 

                                                            

                                                             Heinrich Lübke über die Zeit des Nationalsozialismus:
                                                                                              "Eine dunkle, entsetzliche Geschichte, von Verbrechern gemacht, nicht von uns.
                                                                                             
 Fast ist man geneigt zu vermuten, es seien Fremde und Zugereiste gewesen.".
 


Rezensionsnotiz bei
Perlentaucher zu

vom 25.8.2015:

Knud von Harbou, schreibe "mit aufklärerischer Wucht und verhaltener Wut" über die Verstrickungen seines langjährigen Arbeitgebers in die Verbrechen des Naziregimes, findet Joachim Käppner, der in der SZ diesen Band bespricht. Der Kritiker bemüht einige der von Harbou zusammengetragenen Anekdoten aus der Nachkriegszeit, um dem Leser die lange versäumte Auseinandersetzung mancher SZ-Redakteure und Chefs mit der eigenen Schuld vor Augen zu führen.
Erstaunt zeigt sich Käppner, wie wenig die Zeitung selbst über die Nazivergangenheit der eigenen Führungskräfte wusste, und lobt, dass Harbou hingegen Schönfärberei fremd sei und sein neuestes Werk ein "wichtiges, ein notwendiges und auch gut lesbar geschriebenes Buch, immer um Fairness bemüht".


"bergwerksähnliche Bedingungen" (Werner Friedmann)
SZ-Lokalredaktion 1946 Foto: Süddeutscher Verlag, Bildarchiv (Bildausschnitt)


Bildschirmfoto: ARD alpha a-Forum 10.11.2015



Schlaglichter aus der SZ_Rezension vom
25.8.2015:

Wie die junge SZ mit Nazi-Verstrickungen umging

Mehrere Prominente Vertreter der Zeitung waren in Verbrechen der Nazis verstrickt. Rechtfertigen mussten sie sich dafür kaum.
Liberale und Antifaschisten hatten es deshalb in den Gründerjahren innerhalb der SZ schwer.
Bekannte Namen in düsterem Lichte
.
Der liberale Kurs war der SZ nicht in die Wiege gelegt
.
Die Herausgeber verweigerten sich der Schuldeinsicht
.
Nazivergangenheit eigener Führungskräfte spielte lange keine Rolle
.
Nicht mehr als gelegentliche Nachfragen
.
Die Zeitung brauchte lang, um erwachsen zu werden
.

"Opa war kein Nazi"


Die Welt: Franz Joseph Schöningh in Tarnopol
Abendzeitung: Das polnische Märchen
literaturkritik.de: Beschwiegene Vergangenheit
H / Soz  / Kult: Benedigt Wintgens


'
Vom provinziellen Lizenzblatt zur „New York Times von Bayern“
'
Paul Hoser,  Die Anfänge der „Süddeutschen Zeitung“, in: Lutz Hachmeister / Friedemann Siering (Hrsg.),
Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945, München 2002, S. 121–145.

Historisches Lexikon Bayerns: Süddeutsche Zeitung: Gründung der "Süddeutschen Zeitung"
Die Psychological Warfare Division beim Oberkommando der Alliierten Streitkräfte erließ am 28. Juni 1945 ihre Direktive Nr. 3, in der die Zulassung deutscher Zeitungen geregelt wurde. Die Zeitungslizenzen wurden von der Intelligence Branch der Information Control Division bei der US-Militärregierung nur an politisch unbelastete Personen vergeben.
Der frühere Redakteur der "Münchner Neuesten Nachrichten" und der "Frankfurter Zeitung", Wilhelm Hausenstein (1882-1957), der wegen seines Alters die ihm angetragene Lizenz selbst nicht übernehmen wollte, empfahl
Franz Josef Schöningh (1902-1960), den ehemaligen stellvertretenden Leiter der 1941 verbotenen katholischen Zeitschrift "Hochland", für den Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952, Erzbischof von München und Freising 1917-1952) eintrat.
Auf einen Aufruf im Radio Munich hin meldete sich Alfred Schwingenstein (1919-1997) für seinen Vater August (1881-1968). Dieser war 1913 bis 1923 Chefredakteur des vom Bayerischen Bauernbund (BB) kontrollierten "Iller-, Roth und Günzboten". Danach betreute er die Pressestelle dieser Partei und brachte von 1924 bis 1933 deren Landtagskorrespondenz heraus.
Auch dem aus dem Exil zurückgekehrten Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980, Ministerpräsident 1945-1946 und 1954-1957) trugen die Presseoffiziere eine Lizenz an. Er verwies aber auf den früheren politischen Redakteur der sozialdemokratischen "Münchener Post", Edmund Goldschagg (1886-1971), der nur zögernd dazu bereit war.

Die SZ und ihre politische Linie unter der amerikanischen Militärregierung 1945-1949 -   Belastungen durch den Nationalsozialismus -

Ein Schuldvorwurf sei obsolet, weil die Deutschen von Hitler verführt worden seien

Harbou: "Karl Jaspers hatte differenziert zwischen der justiziablen kriminellen Schuld, der politischen Schuld, die zu staatlicher Haftung führe, und der individuellen moralischen Schuld. Damit hatte er den Kern des Problems freigelegt."
 

"die erste Lizenz der Militärregierung Ost an die Gründungsväter der  SZ: Edmund Goldschagg, Franz Josef Schöningh und August Schwingenstein.
Die drei Journalisten sind alle wegen ihrer politischen Einstellung von den Nazis verfolgt worden
.(WDR 2005: Vor 60 Jahren "Süddeutsche Zeitung")

Wilkipedia: Die Lizenzträger der SZ: Franz Josef Schöningh - August Schwingenstein - Edmund Goldschagg  -
Belastete SZ-Redakteure u.a.: Hans Schuster,
Innenpolitikchef -
Hermann Proebst, Chefredakteur

vom 06.03.2013: NS-Vergangenheit von SZ-Mitgründer -  Große Lüge der grauen Männer
vom 01.10.2014: NS-Vergangenheit von SZ-Redakteuren - Die innere Spaltung -
vom 18.09.2015: Start in Braun
vom 06.10.2015: Knud von Harbou: Verdrängen, beschweigen -  Auf Seite 8 der Jubiläumsbeilage "70 Jahre SZ" -
                                      (zu lesen über Testzugang, Tagespass oder Abo)

 

"Stolpersteine in der Sendlingerstraße"

"Bleibtreu"-Affäre: Ein in der SZ wohl unüberlegt abgedruckter brutal antisemitischer Leserbrief unter dem Pseudonym "Adolf Bleibtreu" führte am 10. August 1949 zu einem von der damaligen Synagoge in der Möhlstraße ausgehenden Demonstrationszug von mindestens 2.000 Demonstranten. Ein großes Plakat trug die Aufschrift: »Down with the Stürmer of 1949 – The Süddeutsche Zeitung«. Es kam in der Folge zu gewaltsamen Ausschreitungen und Schusswaffeneinsatz der Polizei.  Der damals im Ausland weilende linksliberale Herausgeber Werner Friedmann entschuldigte sich in einem Beitrag "In eigener Sache" für die folgenreiche Redaktionspanne. Die SZ wurde später vor Gericht von dem Vorwurf freigesprochen, antisemitische Drohungen verbreitet zu haben.
 

"Da war nicht der Hauch einer Aufbruchsstimmung vorhanden, da war nicht der Hauch einer Reflexion über die Zeit des Faschismus, da wurde nicht einen Moment darüber nachgedacht, wo man jetzt eigentlich steht als frisch ins Leben getretene Zeitung."

Auseinandersetzung von Thomas Mann mit der „inneren Emigration“: 1945 nahm die SZ ohne Umschweife gegen Thomas Mann Stellung.
W. E. Süskind (der Vater von Patrick Süskind) zum Tagebuch von Anne Frank:  "mehr oder weniger bedeutungslose Jungmädchen-Prosa".
Erst 1951 erreichten die Autoren Heinz Holldack und Ernst Müller-Meiningen jr., dass die Verschwörer des 20. Juli 1944 nicht mehr als Verräter oder Verbrecher diffamiert wurden.
 

"Mein Gott, ist das eine dröge Zeitung gewesen"



alpha-Forum: Knud von Harbou im Gespräch mit Jochen Kölsch (10.10.2015) zum Nachlesen - Video
 
Die Süddeutsche, die den Deutschen ein wenig geholfen hat, ihre Seele zu retten. Angeblich.


"Es ist eine klare braune Kontaminierung zu konstatieren"

"auf privater, auf familiärer Ebene unmittelbarer Zeitzeuge"
Knud von Harbou,
geb 1946, ist der Sohn des Verwaltungsjouristen Mogens von Harbou (1905-1946) und seiner zweiten Frau Louise (Lili) Adelheid Hildegard geb. v. Ribbeck (1914-1985).  Mogens von Harbou war von 1942-1944 Kreishauptmann des Ghettos Tarnopol in der Ukraine. Sein Stellvertreter dort war Franz Josef Schöningh. Kurz nach der Geburt des jüngsten Sohnes Knud tötete sich der Vater in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Harbous Witwe war bis 1955 fünf Jahre lang Schöninghs Lebensgefährtin.

Die "SZ", eine Zeitung die sich doch von Anfang an als eher linksliberal verstand, zeigte damals eine massive Schuldabwehr gegen die Ursachen und Folgen des Dritten Reichs; die Redaktion schönte durch Weglassen oder Verschweigen. (NDR)

Bayern 2 - hr2 Buch und Hörbuch - Rezensionen bei bücher.de - Der Tagesspiegel: Neue Zeitung, alte Nazis - neues deutschland - Journal 21.ch - Die trübe Frühgeschichte einer bedeutenden Zeitung  -  BR2 Kleinanzeigen 1945 Die ersten "Süddeutschen Zeitungen"
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Mit dem Titel des Buches, 'Als Deutschland seine Seele retten wollte', verweist Knud von Harbou auf Franz Werfel. Kurz vor seinem Tod im August 1945 hatte Werfel aus dem Exil die Frage gestellt: "Wird Deutschland seine Seele retten?"  Als Voraussetzung für diese Seelenrettung definierte Werfel die »objektive Erkenntnis des Geschehens und subjektive Erkenntnis der Schuld«.