Dienstag
, 15.03.16
 

Bürgerhaus Gräfelfing am Bahnhofsplatz  


Dr. Ulrich Dittmann


Foto: Literarische Gesellschaft Gräfelfing

Oskar Maria Graf
ein literarisches Doppelgesicht

Münchner Merkur


Ein Abend über

Oskar Maria Graf


Ein wunderbarer Kontrast zu dem Ganghofer-Abend von Gerd Anthoff: Jetzt, zwei Wochen danach, widmeten sich der Germanist Ulrich Dittmann und der Schauspieler Florian Münzer dem großen Autor
Oskar Maria Graf (1894 in Berg am Starnberger See geboren, 1967 in New York gestorben).

Münzer las markante Passagen aus Grafs autobiografischen Texten. Der Graf-Fachmann Dittmann machte über diese Texte die oft widersprüchlichen zwei Seiten des bayerischen Dichters auch jenseits der Spannung von Heimat und Exil – neue Aspekte der Graf-Rezeption bewusst und sprach die besondere Qualität seines Erzählens an.

Natürlich wurde das aufregende Leben des Berger Bäcker-Sohnes und gelernten Bäckers beleuchtet. Grafs zunächst freiwilliges Exil beginnt 1933, dem Jahr, in dem er die Nazis aus Wien auffordert „Verbrennt mich“.


Ulrich Dittmann
,
geboren in Berlin, promovierter Literaturwissenschaftler, war bis 2003 Akademischer Direktor am Institut für deutsche Philologie der Universität München. Von ihrer Gründung 1992 bis 2014 war er Vorsitzender der Oskar Maria Graf-Gesellschaft. Sein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist Adalbert Stifter.

 

                      
Florian Münzer

  
Foto: aus
actors act bayern

Florian Münzer, Jahrgang 1948, arbeitet seit über 40 Jahren als Schauspieler unter anderem am Stadttheater Ingolstadt und Theater Regensburg, ging mehrmals auf Tournee, spielte drei Jahre in Füssen beim Musical „Ludwig II“, wirkte in Film und Fernsehen mit z.B. im Komödienstadel, in Krimiserien wie  „Siska", „Tatort“ und „Bulle von Tölz". Nebenher leitet er seit 1997 das Freilichttheater Seebühne Utting.

   
Leben, leben muss man, meine ich, leben und sonst nichts. So einfach klingt das, und keiner kann's!"


"
Seine Herkunft als neuntes von elf Kindern einer bayerisch-bäuerlichen Mutter und eines zugereisten Bäcker-Vaters stellte ihn in die lebensprägende Spannung zwischen Katholizismus und Freigeisterei, zwischen Stadt und Provinz. Er war nie Parteisozialist; zu keiner Partei zu gehören und doch aus "grundmenschlicher Empörung gegen jeden Mißbrauch der Schwächeren durch die Stärkeren" stets "links" zu stehen, war ihm wichtiges Programm."
aus: Historisches Lexikon Bayern
 


"Wollt ihr nun wissen, was und wer ich bin, so sage ich: Mir ist als Bub von 10-12 Jahren so gründlich wie vielleicht keinem der Glaube an das Menschliche im Menschen herausgeprügelt worden, dass es viele Jahrzehnte, fast bis an die Grenze meines Greisenalters gebraucht hat, bis ich wenigstens einiges wieder zurückgewinnen konnte. Und ohne diesen Glauben kann kein Mensch existieren."


Der gelernte Bäcker Max Graf aus einer zugewanderten Stellmacher-Familie, heiratet in Aufkirchen, Pfarr- und Schulort der Gemeinde Berg/Starnberger See, Therese Heimrath, Tochter einer alteingesessenen Bauernfamilie aus dem nahen Aufhausen. Oskar wird am 22. Juli 1894 als neuntes von elf Kindern (von denen acht überleben) geboren. Nach sieben Jahren Volksschule beginnt er eine Lehre im elterlichen Betrieb. 1906 stirbt der Vater.

Der älteste Sohn Max führt die Bäckerei weiter, herrscht aber brutal über die Familie.
Heimlich beginnt Oskar mit einigen seiner Geschwister zu lesen. Als der Bruder von dessen Liebe zur Literatur erfährt,  flieht Oskar 1911 vor den Misshandlungen seines Bruders nach München. Er lebt von Gelegenheitsarbeiten, lernt dort aber auch das Leben der Schwabinger Bohème kennen und beginnt, sich für Politik zu interessieren. Er schickt Texte an Redaktionen und Verlage und nimmt Kontakte zu anarchistischen Kreisen auf. Kriegsdienst 1914. Januar 1916 Befehlsverweigerung und Simulation einer Kriegsneurose, Einweisung in Irrenanstalten. Dezember 1916 Entlassung aus der Klinik und als „dienstunbrauchbar“ aus dem Militär ("Schandfleck der ganzen bayrischen Armee").

1917 erste Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften; ab April nennt er sich auf Wunsch des gleichnamigen Kriegsmalers Oskar Graf und auf Vorschlag des Malers Carlo Holzer Oskar Maria Graf  (OMG);


Sie [gemeint sind die für die Münchner Kultur Verantwortlichen] meinen wohl, mich absolut als ‚Heimatdichter’ abzutun, ich wills ihnen demnach auch lederhosenmäßig demonstrieren und vorlesungsmäßig verderben. (An H. Hartung 30.7.1958)




Oskar Maria Gr
af bei einer Lesung des Tukan-Kreises am 21. Juli 1958 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe) -
Quelle: Oskar Maria Graf Gesellschaft e.V.


Im Mai 1917 heiratete OMG Lina Bretting  [„wegen einer Viertelstunde Mitleid”]. Ihre Tochter Annemarie (*13.06.1918; 8.12.2008) genannt „Annamirl“, wird geboren; das Ehepaar Graf trennt sich jedoch noch im selben Jahr. Graf bezeichnete seine erste Ehe als „von Anfang an schlecht“, Die Ehe wurde aber erst 1944 geschieden. Tochter Annemarie wird von Grafs Mutter aufgezogen. Anfang 1918 war OMG wegen Teilnahme am Munitionsarbeiterstreik kurzzeitig inhaftiert worden. 1919 wird er wegen der Teilnahme an den revolutionären Bewegungen in München erneut verhaftet, kommt aber auf Fürsprache von Rainer Maria Rilke bald wieder frei. 1919 beginnt seine Lebensgemeinschaft mit der Jüdin Mirjam Sachs (*1890), einer Cousine von Nelly Sachs. Die beiden heirateten erst 1944 in New York.

Ab 1920 war OMG als Dramaturg am Münchner Arbeitertheater 'Die neue Bühne' tätig, bis ihm 1927 mit seinem autobiografischen Werk Wir sind Gefangene der literarische Durchbruch gelang, der ihm eine Existenz als freischaffender Schriftsteller ermöglichte. 1928 erscheint der große Publikumserfolg Das bayrische Dekameron, auch der Roman Bolwieser (1931) wird gut angenommen.

Am 17. Februar 1933 fährt er zu einer Vortragsreise nach Wien. Dies ist der Beginn seines anfangs freiwilligen Exils. Da seine Bücher nicht der Bücherverbrennung durch die Nazis zum Opfer fielen und ihre Lektüre sogar empfohlen wurde, veröffentlicht er am 12. Mai 1933 in der Wiener Arbeiter-Zeitung den Aufruf:

Verbrennt mich! […] Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!“

Ein Jahr später, 1934, wurden seine Bücher in einer eigens für ihn angesetzten Bücherverbrennung im Innenhof der Münchner Universität nachträglich verbrannt und seine Werke in Deutschland verboten, er selbst am 24. März ausgebürgert.

  
Man muss trinken, um alle Menschen lieben zu können.





1938 flieht Graf gemeinsam mit Mirjam Sachs nach Holland, dann verlassen sie Europa in Richtung USA. 1943 ruft er dort einen populären Stammtisch ins Leben. Fast alle Fotografien aus der Emigration zeigen Oskar Maria Graf in der Lederhose. Der Dichter vertritt die deutschen Schriftsteller im Exil und schreibt für die deutsch-jüdische Zeitung Aufbau. Er habe sich niemals als Emigrant empfunden, hat Graf gesagt, weil die deutsche Sprache seine Heimat sei.

In New York entsteht sein Hauptwerk Das Leben meiner Mutter (engl. 1940, dt. 1946), mit dem er aus der Ferne seine bayerische Heimat und die bäuerliche Welt im Umbruch festhält und seiner Mutter ein Denkmal setzt. Der Roman, der das harte und entbehrungsreiche Leben einer einfachen Frau auf dem Land beschreibt, ist Grafs Gegenentwurf zum Blut- und Bodenkult der Nationalsozialisten. Graf wird nie mehr für längere Zeit als für einen Kurzbesuch nach Berg kommen. Doch widmet er einen großen Teil seiner Werke dieser Gegend. Davon zeugen auch Geschichten wie der Band Dorfbanditen (1932) oder Grafs schriftstellerisches Bekenntnis, die Autobiografie Wir sind Gefangene (1927).

Graf saß in New York fest. Nach dem Krieg bekam er als Staatenloser keine Einreisegenehmigung nach Deutschland. Erst 1957 wurde er Amerikaner und konnte 1958 zum ersten Mal seine Heimat besuchen.  Zu einem Eklat führt sein Auftritt im Cuvilliés-Theater in Lederhose, wo er zum Jubiläum der Stadt aus seinen Romanen lesen soll. Seine zweite Frau Mirjam Sachs stirbt 1959. Im Jahr 1962 heiratet Graf in dritter Ehe Gisela Blauner.

1964 reist er aus Anlass seines 70-sten Geburtstags erneut nach München sowie nach Bad Reichenhall und Ostberlin. Im Jahr darauf unternimmt er eine letzte Reise, die ihn nach Frankfurt am Main, München, Bad Reichenhall, Wien, Zürich und Ascona führt. Immer wieder kommentiert er in Artikeln und offenen Briefen das Zeitgeschehen. 1966 erscheint seine weitere Autobiographie Gelächter von außen. Aus meinem Leben 1918 bis 1933.

Am 28. Juni 1967 stirbt er im Mount Sinai Hospital in New York. Seine Asche wird 1968 auf dem Bogenhausener Friedhof in München beigesetzt.

Quellen: Oskar Maria Graf Gesellschaft e.V. , Literaturportal Bayern und Wikipedia




Oskar Maria Graf,
1964 am Grab von 52 russischen Kriegsgefangenen auf dem Gräfelfinger Friedhof, die nach der blutigen Niederschlagung der Räterepublik 1919 in einer Kiesgrube von Freikorps niedergemetzelt wurden. Seit 1921 erinnerte ein auf Initiative der Münchner Bäcker-Innung aufgestelltes (und nach dem Krieg von der Gemeinde Gräfelfing neu errichtetes) Grabmal an das Massaker.  In deutscher und russischer Sprache heißt es dort; "Wanderer, wer du auch seist, wünsche ihnen einem sanfte Ruhe. War doch nicht auch von ihnen jeder einer Mutter Sohn!"

Oskar Maria Graf in einem Text für die Münchner Abendzeitung über das "
Russengrab von Gräfelfing": "Als Gast der Münchner Bäcker-Innung ... sah ich dieses erhebende Zeichen echter Menschlichkeit wieder: Ein starkes, unvergessliches Erlebnis!" - Foto: Georg Schödl - Süddeutsche Zeitung


alle Bilder von Werkausgaben aus Oskar Maria Graf Gesellschaft e.V.
Europa ist zweifellos die Wiege der Kultur. Aber man kann nicht sein ganzes Leben in der Wiege verbringen.
„Wo sollte ich denn anders hingehen als nach Bayern, wo ich zwar landschaftlich , aber politisch gar nicht hingehöre!!“(an R. A. Dietrich 29.4.1950) -
 
"Die Heimat ist nur da, wo unsere Freunde sind. Ich merke das, je älter ich werde, immer mehr. Nach meiner ‚Heimat’ zieht mich höchstenfalls noch manchmal die vage Erinnerung an eine Landschaft; die Menschen und das ganze Getriebe dort entfernen sich von Tag zu Tag ganz in einen Nebel." (An G. u. E. Fischer 16.12.1954) - Quelle
  Oskar Maria Graf in Berg -    BR: Oskar Maria Graf - Dahoam in Amerika  -   BRalpha Oskar Maria Graf - "Das Leben meiner Mutter" -
Josef Legath: Oskar Maria Graf Ein Dichterporträt, auszugsweise im OMG Journal der Graf-Gesellschaft veröffentlicht
Künste im Exil - Personen -

Oskar Maria Graf, Was mich abhält, nach Deutschland zurückzukehren, 1962
"Der Grund, weshalb ich nach dem letzten Weltkrieg nicht nach Deutschland zurückkehrte und die freiwillige Emigration oder vielmehr eine selbstgewählte Diaspora wählte, war der, daß ich nicht in ein Land gehen wollte, das von den Siegermächten und den von ihnen eingesetzten, gutgeheißenen und in jeder Hinsicht abhängigen Regierungen regiert wurde, was sich - meiner Meinung nach - bis heute nicht sonderlich verändert hat. Ich will mich nicht gleicherzeit von mehreren Regierungen regieren lassen, mir genügt eine einzige vollauf. ...."
 


Dr. Ulrich Dittmann, geboren 1937 in Berlin, studierte in München und Durham (England) deutsche und englische Literaturgeschichte, promovierte über Thomas Mann und unterrichtete ab 1966 an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Neuere Deutsche Literatur. Dittmann ist seit 1975 Bandherausgeber der Historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke und Briefe Adalbert Stifters, er verfasste einen Kommentarband und gab als Co-Editor sechs Textbände heraus. Er entdeckte Oskar Maria Graf, als er im ländlichen S-Bahn-Bereich um München ansässig wurde. Der geborene Berliner lernte vor allem dank „Kalendergeschichten“ und „Mutter“-Buch die Mentalität der Eingeborenen zu schätzen. 1984 organisierte er mit Kollegen das Feuchtwanger/Graf-Kolloquium im Münchner Gasteig und zählt sich (trotz beruflich-wissenschaftlicher Beschäftigung mit Stifter) gerne zu den Graf-ologen.
Beiträge von Ulrich Dittmann im Historischen Lexikon Bayerns:  Graf, Oskar Maria: Wir sind Gefangene, 1927 Koeppen, Wolfgang: Tauben im Gras, 1951 - Timm, Uwe: Heißer Sommer, 1974 - Vorlesung im SS 2008: Die Bücherverbrennung vom Mai 1933 und die Universität München - OMG-Bücher bei Amazon -


Foto: Literarische Gesellschaft



Florian Münzer
Ausbildung: 1973 - 1976 Otto-Falckenberg Schule München
Rollen u.a.:  
Bühne: Eisenstein, Der alte Hufnagel, Metropoltheater München - Sein oder Nichtsein, Erhard, Theater Regensburg - Der Regenmacher, Hilfssheriff, Kömödie im Bayerischen Hof - Brandner Kaspar, Portner, Theater Regensburg - König Ludwig, Dr. Gudden, Deutsches Theater München - Sommernachtstraum, Oberon, Theaterzelt Das Schloss -
TV: Der Katakombenpakt, Dom Helder Camara - Der Komödienstadel, Der Bader - Polizeiruf 110, Kommissar - Tatort, Hochschulprofessor - Der Bulle von Tölz, Mörder -
Uttinger Seebühne Der Schatz im Ammersee,
in der Bearbeitung von Florian Münzer - "Plutos"


Im 'Brandner Kaspar' Theater Regensburg


Diese Aufnahme Oskar Maria Grafs
diente als Anregung für das Denkmal


Ein paar Inschriften / Zitate
auf dem  Oskar-Maria-Graf-Geschirr
(und Teil des Oskar-Maria-Graf Denkmals von Jenny Holzer
im Literaturhaus München):

Mehr Erotik bitte -
Mehr Sexualität, die Herrschaften! -
Hingabe, Hingabe bis ins Letzte! -
 
Es muss doch jetzt schon bald wahr sein, dass ich berühmt bin. -
Niemand kann allein sein. -
Friß nur! Mensch, friß und sauf!
Wir hängen sowieso schon halb am Galgen.
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Denkmal in Berg-Aufkirchen
von dem Starnberger Künstler Max Wagner