Donnerstag, 18. Februar 2016
 

Gemeindebücherei im Bürgerhaus Gräfelfing am Bahnhofsplatz  

In Zusammenarbeit mit der


Hassan Ali Djan


Foto: © Jan Schmiedel

Afghanistan.
München.
Ich.

Meine Flucht
in ein besseres Leben

Münchner Merkur

 
Er war minderjährig und Analphabet, als er vor 10 Jahren nach Deutschland kam. Ein Flüchtling aus dem kleinen Bergdorf Almitu in Zentralafghanistan, wo seine Familie als Angehörige der Hazara, einer ethnischen Minderheit, von den Taliban verfolgt wurde. Er kann weder persische noch lateinische Schrift lesen, hat natürlich keine Deutschkenntnisse und keine Perspektiven.

Heute hat er die Mittlere Reife, eine abgeschlossene Lehre als Gebäudeelektroniker, eine eigene Wohnung,  eine unbefristete Aufenthalts-genehmigung, ist inzwischen mit einer Marokkanerin verheiratet  und deutscher Staatsbürger geworden.

Als Hassan Ali Djan 11 Jahre alt war, starb sein Vater, und er musste versuchen, die Familie, Mutter, drei Schwestern, drei Brüder, zu versorgen, zunächst als Hirte, später in Teheran unter erbärmlichen Bedingungen als Bauarbeiter.

Er wird von seiner Flucht erzählen und davon, wie er sich durchgebissen hat, wie er es in Deutschland mit viel Hilfe, Eigeninitiative und Glück geschafft hat. Seine Geschichte hilft uns dabei, die Situation der Flüchtlinge besser zu verstehen, und sie ist Motivation für Flüchtlinge und für die vielen ehrenamtlichen Helfer.

Hassan Ali Djan wurde 1989 als erstes Kind einer afghanischen Familie, geboren. Als Sechzehn-jähriger floh er über die Türkei und Griechenland nach München, wo er bis heute lebt.

Sein Buch „Afghanistan. München. Ich.“ (in Zusammenarbeit mit Veronica Frenzel) erschien 2015.  

 




"Ich war vorher nicht weltoffen, das wäre gelogen. Ich dachte damals auch: Wie kann das sein, dass eine Frau mehr zu sagen hat als ein Mann? Dass Frauen genauso arbeiten wie ein Mann? Für mich war Vieles Neuland."
(Quelle: SZ vom 13.1.16)

Ein Kind, das viel zu früh erwachsen wurde


Quelle: YouTube, Filmausschnitte über die Hazara
"Du wirst für die Familie sorgen"
Der elfjährige Hassan arbeitet als Hirte und für die ortsansässigen Bauern, trotzdem reicht das Geld nicht.
Mit 13 beschließt Hassan mit einigen erwachsenen Männern seines Dorfes in den Iran zu gehen.


Er will dort auf einer Baustelle als Tagelöhner arbeiten und so die Versorgung seine Familie sichern.
Mit 16 wagt er die
Flucht nach
Europa, um sich und seine Familie besser versorgen zu können.
Wochenlang laufen sie, über Berge, durch Täler. Sie frieren, schwitzen, haben Durst, Hunger. Sie laufen nachts und schlafen tagsüber, damit sie nicht entdeckt werden.

Wikipedia:  Als Flüchtling, im Unterschied zum Migranten, gilt nach der Genfer Flüchtlingskonvention eine Person, die "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will." Sofern seine Fluchtgründe im Zielstaat auf Grund nationaler oder supranationaler Regelungen als relevant erachtet werden (sog. asylerhebliche Fluchtgründe) und er die Gründe und ggf. Umstände seiner Flucht in einem entsprechenden Verfahren ausreichend darlegen kann, kann daraus ein Recht auf Schutz und Aufenthalt (Asylrecht im weiteren Sinne) entstehen.
Asylrecht in Deutschland - Grundgesetz Art 16a
1) Politisch Verfolgte genießen Asylrecht. 2) ... 3) ... 4) ... 5) ....

Hassan wurde das, was man in Deutschland „Wirtschaftsflüchtling“ nennt. Wenn Hassan Ali Djan das Wort hört, verzieht sich seine Miene.
 „Was heißt das, Wirtschaftsflüchtling? Ohne mich wäre meine Familie verhungert.“
 

"Das ist ganz einfach. Ich bin der Meinung, daß man Menschenleben retten soll, wo man sie retten kann." Heinrich Böll, 1981

Die Familie ist für Hassan Antrieb, sein Leben noch besser zu gestalten: Allen Geschwistern hat er inzwischen eine Schul- oder Universitätsausbildung ermöglicht.
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Versteckt im Ersatzreifen eines LKWs, den er in Griechenland bestieg, kam er 2005 illegal nach Deutschland.
 

„Tot bin ich also nicht“
"
Fühlt sich so der Tod an ?  ...Ich liege im Ersatzreifen eines Lastwagen unter der Ladefläche, eingerollt wie ein Embryo, zwei Tage schon. Mehr als 48 Stunden habe ich mich nicht bewegt, habe nichts getrunken, nichts gegessen. Immer wieder schleuderte ein Kieselstein gegen meine Beine, meine Arme, meine Brust, beim ersten Mal dachte ich, mich hätte eine Kugel getroffen. Immer wieder nahmen mir die Abgase den Atem, sekundenlang fürchtete ich, ich würde ersticken. Auch jetzt steigt ätzender Geruch von verbranntem Diesel in meine Nase, legt sich auf die Zunge, brennt in meiner Kehle. Nie habe ich mich so schlecht gefühlt wie in diesem Moment. Wenn sich Europa so anfühlt, denke ich, will ich hier nicht sein."


Deutschland ist das Land, vor dem ihn alle gewarnt haben

"In Patras ... habe ich Afghanen getroffen, die lange Zeit in Deutschland verbracht hatten. Das Land sei nicht gut zu Einwanderern, erzählten sie. Zwar hatten sie, während sie auf das Ende ihres Asylverfahrens warteten, ein Bett und genug zu essen, sie waren nicht eingesperrt. Trotzdem fühlten sie sich wie in einem Gefängnis, entmündigt. Alles wurde ihnen abgenommen, das Einkaufen, das Waschen, das Putzen. Das Schlimmste: Während sie darauf warteten, zu erfahren, ob sie bleiben konnten oder nicht, durften sie nicht arbeiten, keine Schule besuchen, kein Deutsch lernen. Sie hatten die ganze Zeit überhaupt nichts zu tun. Und dann waren sie nach Monaten des Wartens nach Griechenland abgeschoben worden, weil es das erste europäische Land war, das sie erreicht hatten. Jetzt wollten sie nach England oder nach Skandinavien. Sie fürchteten, wieder nach Deutschland zu gelangen."

Zufällig strandet er aber in Deutschland
"
Während wir warten, frage ich den Mann, wo ich bin. Auf Persisch nenne ich ein paar Länder, die ich kenne. England? Frankreich? „Alman?“ So heißt auf Dari Deutschland. Er versteht mich nicht. Ich zeige mit dem Finger auf den Boden, ziehe die Schultern hoch und blicke ihn fragend an. Er sagt „Deutschland“. Das Wort kenne ich nicht. Ich muss in einem Land gelandet sein, von dem ich noch nie gehört habe. Was für ein Glück! Hierher muss es bisher kaum jemand geschafft haben. Von hier kann niemand, den ich auf meiner Reise kennengelernt habe, weggeschickt worden sein."

Er wird in ein Auffanglager in München gebracht und sieht sich mit Menschen und Mechanismen konfrontiert, die er nicht versteht. Wem kann er vertrauen? Wie kann er in Deutschland ankommen? Und wie kann er für seine Familie in Afghanistan sorgen?


Bild: meinbezirk.at

Hassan Ali Djan gibt nicht auf. Er ist heute in Deutschland angekommen und angenommen.
Er erzählt seine eigene Geschichte, über die Flucht und seine Anfänge in München. Aber vor allem spricht er über die positiven Reaktionen seines Umfelds, die er erfahren hat und ihn in Bayern eine neue Heimat haben finden lassen.

Ständig in Angst vor der Abschiebung lebend, hat er schnell Deutsch gelernt, besteht in nur dreieinhalb Jahren die Quali-Prüfung mit einem Durchschnitt von 2,2, stellt sich den Anforderungen während der Ausbildung zu seinem Traumberuf Gebäudeelektriker, schließt die Lehre ab und erreicht die Mittlere Reife.

Er hat sich in München zwischendurch auch als Essenausfahrer durchgebracht;
 "der einzige Muslim, der Schweinshaxen liefert"



Foto: Alessandra Schellnegger
SZ vom 31.12.2013, Seite Drei, "Ich will"
Als er das erste Mal Wiesen und Bäume sah, dachte er: Jetzt fressen mich die Bären.

SZ:  Ein Flüchtling verblüfft die Grünwalder - Germering -

 
Münchner Merkur: Benediktbeuern, Wie gelingt die Integration? - Mittelbayrische Zeitung - Augsburger Allgemeine - Realschule Ichenhausen Centre d'Information Tiers Monde Luxembourg

Buch bei Herder - Buchstaebliches - Literaturzeitschrift.de -
Der Tagesspiegel:
Das Drama der Flucht - Bloß nicht Deutschland -  der Freitag- Buch der Woche - Hauptschulblues -  Main Post Schweinfurt: 7.2.16  Halb Bayer, halb Afghane  - radiobremen -
Lighthouse Welcome Center: Deutschstunde der Lichterkette -
Radio München 8:45  podcast 57:48 -
En Portada - Willkommen, refugees. El desafío
Einmal in den sieben Jahren München hatte Hassan Ali Djan eine deutsche Freundin, aber die Beziehung hielt nicht lange.„Der kulturelle Unterschied war sehr groß“, sagt er. Der kulturelle Unterschied bestand darin, dass die Freundin sagte: „Heute kochst du, ich möchte meine Lieblingssendung im Fernsehen anschauen.“ Das hat ihn verwirrt. „Ich wusste nicht mehr, wer ist der Mann, wer ist die Frau.“  (Aus.SZ vom 31.12.13 Seite 3: "Ich will")
"Nichts ist selbstverständlich, Erfolg kommt nicht von selbst"


Bildschirmkopien aus En Portada - Willkommen, refugees. El desafío

Ausschnitte aus dem Bericht in der Main Post Schweinfurt:
"Er ... erklärt den Flüchtlingen dort das Leben in Deutschland. Manche Einstellung gelte es dabei zu korrigieren, denn der Staat sei nicht einfach Zahlmeister: Die Arbeit aller Bürger finanziere über Steuern auch das Leben der Flüchtlinge. Nichts ist selbstverständlich, Erfolg kommt nicht von selbst, sagt er den Neuankömmlingen in Deutschland. Er selbst habe großen Respekt vor der logistischen Leistung der Deutschen in der aktuellen Situation, ausdrücklich auch der Ehrenamtlichen..."

 



Bild: Verlag Herder


Veronica Frenzel
ist eine vielbeschäftigte freie Journalistin. Sie studierte Geschichte und Politikwissen-schaften in München. Anschließend lebte und schrieb sie fünf Jahre lang in Andalusien. Sie schreibt u.a. für die "Tageszeitung", die "Zeit", die "Berliner Zeitung" und die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und vor allem für den "Tagesspiegel". Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Migration. - Tweets - facebook -


Ein Beispiel für ihre Texte:

Fluchtpunkt Deutschland
Zurück in den Irak:
Ein Flüchtling will nach Hause Von Veronica Frenzel
 2.12.15

Ein irakischer Flüchtling hält es in Deutschland nicht mehr aus. Das Leben in der Turnhalle, das Abwarten, die Ungewissheit, wann er seine Familie nachholen darf. Jetzt will er seine zerstörte Heimatstadt mit aufbauen.


Die Situation hier:

Ende Januar 2016 lebten im Landkreis München 4071 Asylbewerber, davon 25% aus Afghanistan, 13% aus Nigeria, 11% aus Libyen.
In den vom Landkreis bereitgestellten Unterkünften sind immer noch
600 anerkannte Asylbewerber, die keine Wohnung finden.
Anteil an der Landkreis-Bevölkerung 1,22%.

In Gräfelfing leben jetzt 204 Flüchtlinge, überwiegend Familien aus Libyen und Afghanistan (1,54% der Gräfelfinger). Die meisten wohnen seit Mitte Januar im "Dorf", in neu erstellten Doppelhäusern.

Die  Betreuung hat ehrenamtlich vor allem der Asylkreis Würmtal und sein Helferkreis Gräfelfing übernommen.
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Internationale Stadtgesellschaft:
"Also man merkt, dass Leit do san, die ned von do san, und dass s' mehra san."
(Richard Süßmeier, 85, ehem. Wiesnwirt) Quelle: SZ vom 22.1.2016: Antihysterie