Süddeutsche Zeitung, 11.05.06

 

Heines Herzprobleme

Edda Ziegler beleuchtet den Dichter und seine Frauen

Gräfelfing "Sag, wo ist dein schönes Liebchen,/das du einst so schön besungen,/als die zaubermächtgen Flammen/Wunderbar dein Herz durchdrungen?" Unverkennbar, in Rhythmus und Reim, spricht aus diesen Zeilen der Dichter, Spötter, Spieler Heinrich Heine. Und ist er auch vor allem als politischer Dichter in die Literaturgeschichte eingegangen, so beschäftigt er sich in diesem Gedicht im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Herzensthema: Es geht um Frauen, um die Liebe. Heine wäre aber nicht Heine, würde er aus diesem Thema nicht poetisches Kapital schlagen, das erklärt auch der zweite Teil des Gedichts: "Jene Flammen sind erloschen,/Und mein Herz ist kalt und trübe,/Und dies Büchlein ist die Urne/Mit der Asche meiner Liebe."

Es gibt viele Urnen, in denen Heine die Asche irgendeiner Verzweiflung gesammelt hat, es gibt viele wunderbare "Büchlein" und meterweise Sekundärliteratur dazu. Ein Thema aber hat die Literaturwissenschaft ausgespart: das Thema "Heine und die Frauen". Heine-Expertin Edda Ziegler, Dozentin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in München, hat sich dieses Sujets angenommen, hat ein Buch dazu veröffentlicht - "Heinrich Heine - Der Dichter und die Frauen" - und am Dienstag vor der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing einen kurzweiligen Vortrag dazu gehalten. "Bei Heine ist vieles ambivalent", sagt sie, "so auch seine Beziehungen zu Frauen." In Briefen gibt sich der Dichter als "Frauenversteher", in den "Reisebildern" geriert er sich als "Liebling der Grazien", in Gedichten lässt er ein lyrisches Ich schwärmen, spotten oder klagen. "Ich möchte die Beziehung Heines zu Frauen gern unter das große M stellen", erklärt Edda Ziegler. Da ist, als erstes, die Mutter, dann folgt, als erste große Liebe, Molly, später taucht die Ehefrau auf, die Heine "Mathilde" nennt, und am Ende seines Lebens begegnet ihm in "Mouche" die große Liebe. Mit der Mutter pflegte Heine einen lebenslangen Briefwechsel, er hat ihr in den "Nachtgedanken" ein Denkmal gesetzt . "Mathilde", die Ehefrau Crescentia Eugenie Mirat, lernt Heine im Pariser Exil kennen. Eine intellektuell ebenbürtige Gesprächspartnerin war sie nicht, auch wenn Heine, von Pygmalion-Phantasien beseelt, eine bürgerliche Salondame aus ihr zu machen versuchte - eine vergebliche Liebesmühe. Die Ehe überdauerte Heines Lebenszeit.

Am Ende seines Daseins, als ihn die Folgen einer frühen syphilitischen Erkrankung zeichneten, begegnete ihm Elise von Krinitz. "Heute würde man sie ein Groupie nennen", sagt Ziegler. Die "Mouche", wie Heine sie in Anspielung auf ihr Briefsiegel - eine Fliege - nennt, verstand sich selbst durchaus als Künstlerin. "Sie war ungeheuer bieder, trotz allem", sagt Ziegler.

Es sind keine Traumfrauen, die im Leben des Dichters Heinrich Heine eine Rolle spielen. Sie sind schlicht, naiv oder anbiedernd, sie sind zugleich lebensfroh wie Mathilde oder sie geben Anlass zur Sorge wie die Mutter. Vor allem aber sind sie für Heine immer wieder eine Aufgabe, an der er sich abarbeitet. Er löst diese Aufgabe auf die ihm eigene, sprachlich großartige Weise: "Aus meinen großen Schmerzen/mach ich die kleinen Lieder/die heben klingend ihr Gefieder/und flattern nach ihrem Herzen."

SABINE ZAPLIN

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.108, Donnerstag, den 11. Mai 2006 , Seite 2