Süddeutsche Zeitung, 29.04.06

Gärtner der Stilblüten

Bastian Sicks Deutschstunde im Gräfelfinger Bürgerhaus

Gräfelfing Die deutsche Sprache ist ein Irrgarten, in dem Stilblüten prächtig gedeihen. Und doch könnte sie ein Park sein - eine domestizierte Zier, in der zu wandeln reines Vergnügen, reine Lust ist. Einer, der sich als Gärtner darum bemüht, nach zähem Wildwuchs bückt, ihn rupft, zaust, schließlich als Rose wieder einpflanzt, ist der Spiegel-Redakteur und Autor Bastian Sick. Er wandelt seit Jahren auf den Spuren der Wechsel-, Zweifels- und Unglücksfälle der deutschen Sprache, verarbeitet sie in der Reihe ¸¸Zwiebelfisch" zu Internet-Kolumnen. Mittlerweile sind zwei Sammlungen unter dem Titel ¸¸Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" als Buch erschienen. Der erste Band ist bereits über eine Million mal verkauft worden, zu Sicks ¸¸Deutschstunde" in der Köln-Arena pilgerten 15 000 Wissbegierige. Kurz: Sick ist Kult - auch wenn er selbst das vermutlich eleganter auszudrücken wüsste.

Andrang auch in Gräfelfing: Bei Bastian Sicks Lesung im Bürgerhaus stapelten sich die Gäste regelrecht - selbst auf den Treppenstufen klemmten die Deutschschüler, vom Oberstufler bis zum Seniorenstudenten. Und Sick wird allen Erwartungen gerecht: ¸¸Gräfelfing", lobt er zur Begrüßung, ¸¸ist ein schöner Ort . . . den ich heute zum ersten Mal gesehen habe" - und schickt Kostproben einer intimen Kenntnis des bayerischen Idioms hinterher: ¸¸Dem Sick sein Buch, würde man hier sagen", weiß der dialektsichere Autor. Die ersten Lacher, viele folgen. Zum Beispiel der Original-Stoiber: ¸¸Wir müssen den Ausländern richtiges Deutsch lernen" - da fängt der Landesvater am besten bei sich selber an.

Klar, Stoiber ist nur einer unter vielen, die Deutsch mit kleinen Schönheitsfehlern sprechen. Irrgärtner Bastian Sick spießt sie alle auf die Forke - aber, und vielleicht ist das das Geheimnis seines Erfolges, ohne sie zu fest zu pieksen. Seine lehrreichen Ratschläge - sei es zur korrekten Verwendung von Präpositionen, zur Pluralbildung im Deutsch-Italienischen, oder zum Erfolg versprechenden Gebrauch des Imperativs - verpackt er in witzige Geschichten. Man lernt: ¸¸Espressos" sind genauso gut wie ¸¸Espressi" - bevor, wie in Sicks Kolumne ¸¸Italienisch für Anfänger", glückliche Beziehungen an der Bestellung eines Tellers ¸¸Gnotschi" scheitern. Das, weiß Sick, ist schöne Sprache doch nicht wert.

Ein Glücksfall ist indes, dass Sick als Präsentator seiner selbst ein echtes Talent ist: Er liest - wie könnte es auch anders sein - mit viel Sprachgefühl, führt geschickt auf Pointen hin und gestattet sich zwischendurch auch selbst ein Haifischgrinsen. Da sitzt, so sah es aus im Bürgerhaus, einer, der nicht nur mit scharfem Intellekt und spitzer Zunge, sondern auch mit jeder Menge Spaß am Werk ist. Dass das so viele hören wollen, lässt für die deutsche Sprache hoffen - und vielleicht auch für die Wiederauferstehung des vom Dativ so grausam gemeuchelten Genitivs. KRISTINA HAWLITZEK


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.99, Samstag, den 29. April 2006 , Seite 8