Münchner Merkur, 24.03.06

Auf den Spuren eines ungewöhnlichen Geschwisterpaares

Szenische Lesung über die Beziehung von Klaus und Erika Mann

VON THERES MÜLLER Gräfelfing - "Jedes kleine Mädchen braucht einen Klaus, dieser Ansicht bin ich im Grunde noch heute." Ute Maria Lerner erhob sich, um diesen Worten jenes tiefe Gefühl zu verleihen, mit denen Erika Mann sie vor knapp vier Jahrzehnten niederschrieb. Und nach gut einer Stunde war dies die erste Gestik auf der Bürgerhausbühne. Doch an Timbre ließen es Lerner und ihr Schauspielpartner Mark Weigel während ihrer szenischen Lesung "Ruhe gibt es nicht bis zum Schluss..." am Mittwochabend nicht mangeln.

Beide wandelten auf Einladung der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing in weißem Hemd, Krawatte und schwarzer Hose optisch unspektakulär auf den Spuren dieses außergewöhnlichen Geschwisterpaars und mit ihnen junge wie ältere Belesene im Bürgerhaus. Im Fokus stand zu 100 Prozent das geschriebene Wort.

Doch nicht Klaus Manns bekanntester Roman Mephisto oder Erikas politisches Kabarett der Pfeffermühle standen im Vordergrund der szenischen Lesung, Lerner und Weigel näherten sich den Kindern Thomas Manns anhand ausgesuchter persönlicher Texte beider, die einen interessanten, kurzweiligen Einblick in das Verhältnis von Erika und Klaus zueinander und deren schwierige Biografien boten.

Die oben genannten Zeilen hatte Erika Mann kurz vor ihrem Tod verfasst - zwei Jahrzehnte nachdem sich Klaus Mann 1949 mit Schlaftabletten das Leben nahm. Dass sie den Freitod ihres Bruders nie verwinden hatte können, klingt darin nicht nur an. Die Erklärungen Weigels, beide Kinder von Thomas Mann ähnelten einander sehr, waren da fast überflüssig.

In Dialogform trugen die beiden Kölner Schauspieler Briefe und Tagebuch-Einträge vor, zwischendurch hallten Chansons und Schlager mit dem typischen Rauschen eines Grammophon durch den großen Saal und versetzten so das Publikum nicht nur literarisch in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Zu den interessanten Höhepunkten an diesem Abend zählten aber die weniger bekannten Lebenserkenntnisse von Erika und Klaus Mann. Wie etwa: "Die Fremde ist herrlich, so lange es die Heimat gibt." Mit diesen Worten begann die nach Amerika emigrierte Erika einen Brief an ihren Bruder.

Doch das, was wohl jeder Zuhörer nach der knappen Stunde der Lesung mit nach Hause nahm, war das Bewusstsein, dass etwas ganz Besonderes die Geschwister Erika und Klaus Mann verband. Unter anderem ihre homosexuellen Neigungen, die Klaus Mann einmal so beschrieb: "Ohne Zweck und Ziel will ich lieben." Auch die Abneigung gegenüber dem NS-Regime war beiden gemein: "Zu sehen, wie man das geistige Gift den Kindern in Deutschland impft, ist eine Qual für mich", zitierte Lerner Erika Mann.


mm