Süddeutsche Zeitung, 09.03.06

Wilhelm Genazino liest in Gräfelfing

Edelreflexionen eines Erschreckenden

Büchner-Preisträger gibt Kostproben aus seinem Roman ¸¸Liebesblödigkeit" und plaudert aus seinem Leben

Gräfelfing Ein alternder Apokalyptiker bekommt von einer Frau einen Heiratsantrag und betrachtet währenddessen Flamingos aus der Nähe. Eine andere Frau sorgt sich um seine Zukunft, und in Erwägung ihrer Vorschläge trifft er in einem Kaufhaus seine Ex-Frau, die ihm von Wiederverheiratungsplänen erzählt.

¸¸Die Liebesblödigkeit", heißt der im vergangenen Jahr beim Hanser Verlag erschienene Roman von Wilhelm Genazino, den der Büchner-Preisträger am Dienstagabend vor der Literarischen Gesellschaft in Gräfelfing vorstellte.

Genazino ist ein Meister des doppelbödigen Erzählens. Seine Sätze bewegen sich scheinbar an der Oberfläche, gehen einer Begebenheit unmittelbar nach und decken mit dem Aussprechen derselben Tiefen auf, in die seine Helden oft lieber nicht blicken möchte. Getragen von einer feinen Ironie, schaffen die Geschichten ein Lesevergnügen, das sich nach dem Lachen für das Lächeln und noch ein wenig später für das Erschrecken entscheidet. Da ist beispielsweise die Szene, in der der Ich-Erzähler, jener in die Jahre gekommene Redner in Sachen Apokalypse, von Sandra nach deren Heiratsantrag eingeladen wird, sich die von ihr gemalten Bilder anzuschauen. ¸¸Ich verberge meinen Schreck, so gut es geht. (. . .) Es ist Hobbykunst, sehr farbig, sehr unbekümmert, sehr ahnungslos.

Bilder dieser Art werden in den Foyers von Sparkassen und in den Fluren von Gesundheitsämtern ausgestellt. Es ist Provinzkunst, Laienkunst, Volkshochschulkunst. Ich nicke und gebe ein paar Ausrufe von mir, die ich selbst nicht deuten kann. In Wahrheit schmerzt es mich, von Sandra so fatale Bilder sehen zu müssen."

Der Genazino-Ton ist tatsächlich so unverwechselbar, dass er längst zu einem Markenzeichen dieses lange Zeit nicht sehr populären Erzählers geworden ist. Dazu passt seine Art des Vortrags, die man höflich nennen möchte, bescheiden, immer auch ein wenig erstaunt über die ¸¸Blödigkeit" seiner Helden, wobei der Begriff von ihm in seiner alten Bedeutung gebraucht wird im Sinne von ¸¸zaghaft". Warum er sich immer den Unscheinbaren unter den Zeitgenossen widme, wird er gefragt. ¸¸Weil die das schwierigere Leben haben", antwortet Wilhelm Genazino, ¸¸und weil sie ein Geheimleben führen. Wenn man unseren Medien glauben möchte, dann gibt es diese Menschen gar nicht, und ich kenne doch so viele von denen." Menschen wie der alternde Apokalyptiker, der im Laufe seiner Rednertätigkeit nicht einmal genügend Rentenansprüche erworben hat, um überhaupt alt sein zu können, stehen im Widerspruch zum öffentlichen Ideal der Dynamiker. Bei Genazino werden sie, ohne dass sie selber registrieren, wie ihnen geschieht, zu Verweigerern. Eben das ist die Geschichte unter der Oberfläche.

Der in Frankfurt lebende Schriftsteller zeigt sich im Bürgerhaus Gräfelfing als angenehmer Diskussionspartner, geduldig geht er auf jede Frage ein und lässt sich durchaus auch mal in die Karten blicken. Er sei Frühaufsteher, berichtet er, um halb acht sitze er am Schreibtisch und arbeite bis mittags um zwölf. Entstehen würden in diesem Zeitraum etwa ein, anderthalb Seiten. Der Nachmittag ist Korrespondenzen und Auftragsarbeiten für Rundfunk und Zeitungen gewidmet. Eigentlich halten ihn solche Aufträge von der Arbeit an Romanen ab, aber: ¸¸Ich habe eine gewisse Verwerfungshemmung gegenüber solchen Aufträgen." Verwerfungshemmung - das klingt wieder nach so einem klassischen Genazino-Begriff. So ähnlich wie ¸¸Edelreflexion", in die sich der Apokalyptiker vor dem Schaufenster eines Farbenladens ergeht Edelreflexionen über die wahre Liebe. ¸¸Ich kann meinen Edelsinn nicht lange ertragen und fliehe in den Spott." Ein großer Abend mit einem großen Erzähler.

SABINE ZAPLIN

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.57, Donnerstag, den 09. März 2006 , Seite 2