Münchner Merkur, 09.03.06

 
Nicht nur auf den ersten Blick belebend
Lesung mit Wilhelm Genazino

VON LEO ERNSTBERGER Gräfelfing - Auf den ersten Blick - er hat ein listiges Gesicht und keine Künstlerallüren. Seine Stimme ist angenehm, sein Sprachduktus vermag Inhalte wirkungssicher zu verstärken: Wilhelm Genazino, geboren 1943 in Mannheim, Büchner-Preisträger von 2004, ist aus Frankfurt gekommen, und liest im Bürgerhaus für die Literarische Gesellschaft aus seinem neuesten Roman "Die Liebesblödigkeit".

Äußere Bedingungen: Über 70 Literaturliebhaber sind trotz extremer Witterungsverhältnisse gekommen. Und obwohl eine Parallelveranstaltung läuft. Nach einer halben Stunde versagt - wie immer und überall im technischen Zeitalter - das Mikrofon. Genazino könnte sich in diesem Moment selbst zitieren: Der Vorgang bilde "das System ab, das über uns herrscht, und die Lächerlichkeit seiner Versprechungen."

Bedeutungserhellung durch den Autor aus Grimms Wörterbuch: "Liebesblödigkeit, von blödigkeit und von natürlichen schwachen kreften". Blödigkeit also ursprünglich im Sinn von Schwäche und Unvermögen. Der Ich-Erzähler sagt dazu im Roman: "Ich denke an meine erneut fortgeschrittene Liebesschwäche, die vielleicht sogar der Grund des Weinenwollens ist."

Die Lesung erstreckt sich auf etwa 50 Seiten des Buches und verrät sehr schnell die spezifische Sicht auf den unspektakulären Alltag, wie ihn der Autor in seiner Frankfurter Poetikvorlesung als "Belebung der toten Winkel" thematisiert. Unter dem besonderen Blick Genazinos beginnen sich diese toten Winkel zu bewegen und der Romanheld umspinnt das Gewonnene mit dem Hauch der Ironie, des Originellen, der Groteske.

Dies geschieht ohne grobe Despektierlichkeit und fördert das Vergnügen. Der "freischaffende Apokalyptiker" unterhält, unabhängig voneinander, zwei Dauerbeziehungen. Die eine Dame stellt ihm einen Heiratsantrag, um ihm die Altersrente zu sichern, ohne die er bis zum Lebensende in "irgendwelche Hotels fahren und Vorträge halten" müsste. Dass die Fürsorgliche neuerdings malt, betrachtet der Protagonist seinerseits als Alterserscheinung: "Wer altert, wird unbemerkt aus der Kurve getragen."

Zum literarischen Panoptikum gehört seine früh von ihm geschiedene Frau, die nun in der "Schockforschung" tätig ist und eine Zeitungstauschzentrale zu gründen beabsichtigt. Wer, wie der Apokalyptiker seine Liebesmüdigkeit in Liebesblödigkeit abgleiten sieht, dem kann leicht ein Lapsus in Form des Verlesens passieren, wenn Endreaktion unversehens zu Enderektion wird.

Das rege Interesse der Gräfelfinger Zuhörer währte überraschenderweise noch genau so lang, wie die Lesung selbst: Die Wirkung des Büchnerpreises sei der gesteigerte Qualitätsanspruch. Der Arbeitstag sei streng reglementiert. Verfilmungspläne fielen den "Umständen" zum Opfer. Jungdynamiker unterliegen einfach nicht dem Interesse Genazinos. Das Anwachsen von "Beraterberufen", unsinnige Tätigkeiten sowie gesammelte Beobachtungen sind für ihn potenzielle Anregungen. Menschen ohne klare Lebenspläne liebt der Autor, und verfügt immer über einen "Fluchtplan in die Ironie".

mm

 

Datum: 09.03.2006