Münchner Merkur, 10.11.05

Erzählungen über das Glück im Alltag
Autorin las aus neuem Buch

 

VON LEO ERNSTBERGER Gräfelfing - Man darf sagen, wer nicht da war, hat etwas versäumt: In der Gräfelfinger Gemeindebücherei, die zusammen mit der Literarischen Gesellschaft eingeladen hatte, hielt Franziska Sperr eine Autorenlesung. Die Politikwissenschaftlerin, Journalistin, Übersetzerin und Dichterin einer Franziska zu Reventlow Roman-Biographie war zwei Jahre Sprecherin des Münchner Kulturdezernenten Nida-Rümelin und lebt mit ihrer Familie in Starnberg.

Das neu vorgestellte Buch, "Stumm vor Glück", beinhaltet zehn Erzählungen, von denen die Verfasserin im angenehmen Vortragston die Titelgeschichte und die Erzählung aus der Ich-Perspektive "Der Lippenstift" las. Es handelt sich um wahre Kabinettstücke aus dem unspektakulären Alltag, die jeder erleben, aber nicht wie die Dichterin, sich ausdenken kann. Dazu gehört nämlich eine minutiöse Beobachtungsgabe: "Sie blieb auf dem Sofa liegen, schob mit dem rechten Fuß die linke Socke herunter, zuerst über die Ferse, weiter über den Mittelfuß, zuletzt über die Spitze."

Aus solchen Details wird erkennbar, wie die Verfasserin persönliche Beobachtungen zum Ausgangspunkt ihrer reizvollen Kurzprosa wählt. Eine spezifische Neugierde bewegt sie dann zu der Frage, was wohl der Hintergrund eines beliebigen Zeitgenossen sein mag, wie seine Lebensumstände sind und was geschieht, wenn so ein S-Bahn-Gegenüber jetzt nach Hause kommt?

Große Dramen in kleinen Räumen

Dies von der Autorin verdichtet, erlebt der Leser als eigentlichen literarischen Genuss. "Große Dramen in kleinen Räumen" benennt Franziska Sperr selbst ihre Erzählungen. Da wartet in "Stumm vor Glück" ein junger Mann, einer Zusage vertrauend, auf seine inzwischen verheiratete Jugendfreundin, um mit ihr eine österliche Kurzreise auf die Kanalinsel Jersey zu machen. "Aber Ostern ist seit gestern vorbei" - in Gedanken hat der Freund die Reise bereits durchgespielt.

"Erdbebensicher" heißt die letzte Geschichte des Bandes: "Die Schildkröte wiegte den Kopf und ließ Inge nicht aus den Augen, und Inge nahm den Blick auf und wiegte den Kopf hin und her im selben Takt. Hin und her."

Die Lektüre des Buches empfiehlt sich in pointierten Portionen zur abendlichen Abrundung des Tages, für die Bahnreise zwischen vorbeifliegenden Landschaften und fürs Liegen in der Badebucht.

mm