Münchner Merkur, 13.10.05

Pfeffermühle würzt hintergründig  -
Literarische Gesellschaft gedenkt Erika Manns regimekritischen Kabarett


VON CHRISTOPH KASTENBAUER Gräfelfing - Am 9. November hätte Erika Mann ihren 100. Geburtstag gefeiert. Zu Ehren von Thomas Manns Tochter, die sich in den 30er und 40er Jahre durch ihr regimekritisches Kabarett Pfeffermühle in der ganzen Welt einen Namen machte, veranstaltete die Literarische Gesellschaft Gräfelfing am Dienstagabend im Bürgerhaus ein Revival dieser immer indirekten, aber genau treffenden, kritischen Kleinkunst.
 

Vorsitzender Wolfgang Pollner hatte dazu Anatol Regnier und Monika Sutil eingeladen, die gemeinsam ein Programm erarbeitet hatten, das sowohl eine große Authentizität gegenüber dem ursprünglichen Programm der Pfeffermühle widerspiegelte, als auch mit historischen Hintergründen die Zuschauer in die politische Brisanz der damaligen Auftritte einführte. So setzte das Programm auf zwei solide miteinander kombinierte Säulen: Einmal auf den Vortrag der rekonstruierten, da überwiegend verloren gegangenen Originalchansons, dann wiederum auf die persönliche Geschichte der Kabarettformation in den politischen und sozialen Wirren ihrer Zeit. Regnier, der Erika Mann noch persönlich kannte, und Sutil erzählten abwechselnd von dem Schicksal der Künstlerin und deren Kollegen, die erst in Deutschland von den Nazis wegen ihres kritischen Kabaretts angefeindet wurden und daraufhin 1933 aus Deutschland fliehen mussten.

Regnier und Sutil gelang es durch die geschickt eingestreuten Anekdoten, die Zuschauer in die Zeit der Pfeffermühle zu entführen. So wurde an diesem Abend der Schmerz Erika Manns bei den 180 Zuschauern im restlos ausverkauften Bürgersaal beinahe greifbar, als Monika Sutil am Klavier ironisch abgewandelte Kinderlieder von einer Zeit sang, in der die Isolation der Menschlichkeit auf der Tagesordnung stand.

Beißend der Zynismus, mit dem Anatol Regnier in Gestalt des Hofkapellmeisters den herrischen Befehlswahn der Nationalsozialisten karikierte, "mehr Takt, mehr Takt, mehr Takt", schrie er, und imitierte so eine Kleinkunst-Bühne, die niemals Namen nannte, aber trotzdem immer traf. Die heiteren Klänge am Klavier, die an Unterhaltungsmusik der 20er Jahre erinnerten, verwandelten sich plötzlich in ein Trommelfeuer dröhnender Akkorde, "die leidigen Rechte sind endlich dahin, was ich für ein Hans im Glück doch bin".

mm

 
13.10.2005