Bombe unter der
Bühne
Anatol Regnier erinnert in der Monacensia an Erika Manns
Exilkabarett ¸¸Pfeffermühle"
Schon als kleiner Junge habe er “viel mitbekommen" vom Münchner
Künstlermilieu, versichert Anatol Regnier, Enkel von Frank und Tilly
Wedekind und Sohn der Diseuse Pamela Wedekind und des Schauspielers Charles
Regnier. Eine Dame, die oft zu Besuch kam und die er mit “Tante" anredete,
beeindruckte ihn besonders. Sie fuhr in einem schicken weißen Wagen mit
roten Ledersitzen vor und schenkte ihm selbst verfasste Kinderbücher mit
liebevollen Widmungen. Mit ihrem schwarzen Bubikopf und den geschminkten
Lippen, die Rauchkringel formten, sei Erika Mann eine elegante Erscheinung
gewesen. Am 9. November würde sie 100 Jahre alt werden, deshalb plant das
Literaturarchiv Monacensia eine Wanderausstellung, und Regnier wird zusammen
mit der Pianistin und Arrangeurin Monika Sutil ein Rahmenprogramm darbieten,
um diese außergewöhnliche Frau zu würdigen. Erstmals ist es am Dienstag, 19.
April, um 20 Uhr in der Monacensia zu sehen.
“Die schlimmen instinktlosen Kinder" nannte Thomas Mann seine beiden
Ältesten, Erika und Klaus: Skandalon der Weimarer Republik, Weltenbummler
und Bohemiens, Journalisten, Künstler. Zusammen mit dem Musiker Magnus
Henning und der Schauspielerin Therese Giehse gründeten sie am 1. Januar
1933 das Ensemblekabarett “Die Pfeffermühle" und brachten damit
politisch-satirische Schärfe in Adolf Gondrells Lokal “Bonbonniere" am
Platzl, wo schon Frank Wedekind aufgetreten war. “Am 30. Januar wurde Hitler
Reichskanzler, und als er, nebenan im Hofbräuhaus, seine Antrittsrede hielt,
hatten wir schon ein neues Programm. Wir spielten gegen ihn an, Wand an Wand
mit ihm und unter dem Jubel seiner Untertanen", erinnerte sich Erika Mann.
Sie hat die Zeit ihrer Auftritte mit der “Pfeffermühle" im Rückblick als die
glücklichste Phase ihres Lebens eingeschätzt, obwohl sie keine der
übersprudelnden Heiterkeit werden sollte.
Schon einen Monat später musste die Gruppe in die Schweiz fliehen, von wo
aus sie sich gegen den Nationalsozialismus engagierte. Am 1.Oktober hatte
sie im Züricher “Hirschen" Premiere; die Neue Züricher Zeitung lobte den
“neuen Bänkelsängerstil" gegen bürgerliche Stupidität und Verharmlosung des
Faschismus. Klaus Mann erzählte in seinem Buch “Der Wendepunkt" über
gefährliche Aufführungssituationen: “Die Schweizer Faschisten, von ihren
deutschen Meistern abgerichtet und ausgerüstet, begnügten sich nicht mit den
üblichen Stinkbomben und Trillerpfeifen; es wurde mit scharfer Munition
geschossen; auch hieß es, eine Zeitbombe sei irgendwo unter der Bühne
versteckt." Doch die Vorstellungen gingen weiter. Und die Giehse gab zu,
dass jeder von ihnen “einen Gummiknüppel in der Tasche" hatte. Von ihrer
kraftvollen Art des Vortrags konnte sich Regnier später selbst überzeugen,
als er sie in den 60er Jahren bei einem Brecht-Abend an den Kammerspielen
mit der Gitarre begleitete.
Erika Mann, die alle Chansons für die Giehse schrieb, sang selbst in
glänzender schwarzer Uniform, ausgestattet mit Silberhelm und Reitpeitsche,
“Der Prinz vom Lügenland": “Bei mir daheim im Lügenland, darf keiner mehr
die Wahrheit sagen. Ein buntes Netz von Lügenfäden hält unser großes Reich
umspannt." Bald wurde ihnen die Spielerlaubnis in der Schweiz entzogen. 1934
bis 1936 tourten sie durch Holland, Belgien, Luxemburg und die
Tschechoslowakei. In den USA versuchten sie, das zeitkritische Programm aus
Europa einem amerikanischen Publikum schmackhaft zu machen, obwohl weder
Erika Mann noch die Giehse anfangs gut Englisch konnten; bald musste das
pikante Projekt eingestellt werden. 1034 Mal in sieben Ländern jedoch hatten
sie mutig und subtil Stellung zu Hitlerdeutschland bezogen.
“Erika Mann hat als Technik das Indirekte gewählt, die Texte sollten durch
Anspielungen wirken", erklärt Regnier. Das Unbestimmte musste vom Publikum
aufgefüllt werden, und das komme der Wiederbelebung der 70 Jahre alten
Lieder entgegen, deren Melodien er akribisch recherchiert, rekonstruiert,
zum Teil erneuert hat. Sie handeln von Feigheit, Wegsehen, Gefühllosigkeit.
“Warum sind wir so kalt?" hat er das Programm genannt, das passe “durchaus
in unsere Zeit": Arbeitslosigkeit, Ellenbogendenken, Neo-Nazismen. Für
problematisch hält Regnier auch die Publikation von Erlebnisberichten so
genannter “normaler Deutscher" aus der Zeit des Nationalsozialismus.
“Plötzlich hätten alle gelitten, so werden Verbrechen relativiert", gibt er
zu bedenken. Er selbst hat in seinem Buch “Damals in Bolechow" die
Überlebensstrategien einer verfolgten jüdischen Familie dokumentiert, und in
“Du auf deinem höchsten Dach" die psychologische Erblast seiner Familie
aufgearbeitet. Mit der Wiederbelebung der “Pfeffermühle" will Regnier mit
den Worten Erika Manns dagegenhalten: “Schleudert die Wahrheit ins
Lügengesicht! Denn die Wahrheit allein kann"s machen."
EVA MARIA FISCHER
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.88, Montag, den 18.
April 2005 , Seite 50
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