Süddeutsche Zeitung, 18.04.05


Bombe unter der Bühne

Anatol Regnier erinnert in der Monacensia an Erika Manns Exilkabarett ¸¸Pfeffermühle"

Schon als kleiner Junge habe er “viel mitbekommen" vom Münchner Künstlermilieu, versichert Anatol Regnier, Enkel von Frank und Tilly Wedekind und Sohn der Diseuse Pamela Wedekind und des Schauspielers Charles Regnier. Eine Dame, die oft zu Besuch kam und die er mit “Tante" anredete, beeindruckte ihn besonders. Sie fuhr in einem schicken weißen Wagen mit roten Ledersitzen vor und schenkte ihm selbst verfasste Kinderbücher mit liebevollen Widmungen. Mit ihrem schwarzen Bubikopf und den geschminkten Lippen, die Rauchkringel formten, sei Erika Mann eine elegante Erscheinung gewesen. Am 9. November würde sie 100 Jahre alt werden, deshalb plant das Literaturarchiv Monacensia eine Wanderausstellung, und Regnier wird zusammen mit der Pianistin und Arrangeurin Monika Sutil ein Rahmenprogramm darbieten, um diese außergewöhnliche Frau zu würdigen. Erstmals ist es am Dienstag, 19. April, um 20 Uhr in der Monacensia zu sehen.

“Die schlimmen instinktlosen Kinder" nannte Thomas Mann seine beiden Ältesten, Erika und Klaus: Skandalon der Weimarer Republik, Weltenbummler und Bohemiens, Journalisten, Künstler. Zusammen mit dem Musiker Magnus Henning und der Schauspielerin Therese Giehse gründeten sie am 1. Januar 1933 das Ensemblekabarett “Die Pfeffermühle" und brachten damit politisch-satirische Schärfe in Adolf Gondrells Lokal “Bonbonniere" am Platzl, wo schon Frank Wedekind aufgetreten war. “Am 30. Januar wurde Hitler Reichskanzler, und als er, nebenan im Hofbräuhaus, seine Antrittsrede hielt, hatten wir schon ein neues Programm. Wir spielten gegen ihn an, Wand an Wand mit ihm und unter dem Jubel seiner Untertanen", erinnerte sich Erika Mann. Sie hat die Zeit ihrer Auftritte mit der “Pfeffermühle" im Rückblick als die glücklichste Phase ihres Lebens eingeschätzt, obwohl sie keine der übersprudelnden Heiterkeit werden sollte.

Schon einen Monat später musste die Gruppe in die Schweiz fliehen, von wo aus sie sich gegen den Nationalsozialismus engagierte. Am 1.Oktober hatte sie im Züricher “Hirschen" Premiere; die Neue Züricher Zeitung lobte den “neuen Bänkelsängerstil" gegen bürgerliche Stupidität und Verharmlosung des Faschismus. Klaus Mann erzählte in seinem Buch “Der Wendepunkt" über gefährliche Aufführungssituationen: “Die Schweizer Faschisten, von ihren deutschen Meistern abgerichtet und ausgerüstet, begnügten sich nicht mit den üblichen Stinkbomben und Trillerpfeifen; es wurde mit scharfer Munition geschossen; auch hieß es, eine Zeitbombe sei irgendwo unter der Bühne versteckt." Doch die Vorstellungen gingen weiter. Und die Giehse gab zu, dass jeder von ihnen “einen Gummiknüppel in der Tasche" hatte. Von ihrer kraftvollen Art des Vortrags konnte sich Regnier später selbst überzeugen, als er sie in den 60er Jahren bei einem Brecht-Abend an den Kammerspielen mit der Gitarre begleitete.

Erika Mann, die alle Chansons für die Giehse schrieb, sang selbst in glänzender schwarzer Uniform, ausgestattet mit Silberhelm und Reitpeitsche, “Der Prinz vom Lügenland": “Bei mir daheim im Lügenland, darf keiner mehr die Wahrheit sagen. Ein buntes Netz von Lügenfäden hält unser großes Reich umspannt." Bald wurde ihnen die Spielerlaubnis in der Schweiz entzogen. 1934 bis 1936 tourten sie durch Holland, Belgien, Luxemburg und die Tschechoslowakei. In den USA versuchten sie, das zeitkritische Programm aus Europa einem amerikanischen Publikum schmackhaft zu machen, obwohl weder Erika Mann noch die Giehse anfangs gut Englisch konnten; bald musste das pikante Projekt eingestellt werden. 1034 Mal in sieben Ländern jedoch hatten sie mutig und subtil Stellung zu Hitlerdeutschland bezogen.

“Erika Mann hat als Technik das Indirekte gewählt, die Texte sollten durch Anspielungen wirken", erklärt Regnier. Das Unbestimmte musste vom Publikum aufgefüllt werden, und das komme der Wiederbelebung der 70 Jahre alten Lieder entgegen, deren Melodien er akribisch recherchiert, rekonstruiert, zum Teil erneuert hat. Sie handeln von Feigheit, Wegsehen, Gefühllosigkeit. “Warum sind wir so kalt?" hat er das Programm genannt, das passe “durchaus in unsere Zeit": Arbeitslosigkeit, Ellenbogendenken, Neo-Nazismen. Für problematisch hält Regnier auch die Publikation von Erlebnisberichten so genannter “normaler Deutscher" aus der Zeit des Nationalsozialismus. “Plötzlich hätten alle gelitten, so werden Verbrechen relativiert", gibt er zu bedenken. Er selbst hat in seinem Buch “Damals in Bolechow" die Überlebensstrategien einer verfolgten jüdischen Familie dokumentiert, und in “Du auf deinem höchsten Dach" die psychologische Erblast seiner Familie aufgearbeitet. Mit der Wiederbelebung der “Pfeffermühle" will Regnier mit den Worten Erika Manns dagegenhalten: “Schleudert die Wahrheit ins Lügengesicht! Denn die Wahrheit allein kann"s machen."

EVA MARIA FISCHER

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.88, Montag, den 18.
April 2005 , Seite 50