Süddeutsche Zeitung, 06.10.05

Deutsche auf Raubzug

Götz Aly spricht in Gräfelfing über sein neues Buch


Gräfelfing
¸¸Aus Prag bekam sie die Stöckelschuh ... Aus Warschau bekam sie das leinene Hemd ... Aus Oslo bekam sie das Kräglein aus Pelz": Den Dichter Bert Brecht hat Götz Aly bei seinem Vortrag am Dienstag nicht zitiert, doch was der Historiker über sein neues Buch und die Forschungen dazu erzählte, das klang über weite Strecken wie eine Beweisführung zu den Brechtschen Versen, die den Titel ¸¸Das Lied vom Weib des Nazisoldaten" tragen.


 Für Milliarden von Reichsmark hätten deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg Waren aus den besetzten Ländern nach Hause geschickt, sagte Aly und zog Feldpostbriefe von Heinrich Böll als Beweis heran. Aly belegt damit die These: Die Deutschen sind auf Kosten der Menschen in den besiegten und besetzten Ländern lange Zeit von den Lasten des Krieges frei geblieben, ja sie haben sogar von Hitlers Krieg profitiert. Das ist eine der Hauptaussagen von Alys Buch ¸¸Hitlers Volksstaat", das im Frühjahr erschienen ist und heftige Diskussionen unter Historikern und in den Feuilletons ausgelöst hat.

Widerspruch gab es auch bei der Veranstaltung der Literarischen Gesellschaft im Bürgerhaus. Ein Zuhörer, der sich als Kriegsteilnehmer vorstellte, bezeichnete Alys Ausführungen zu den vielen Paketen, die deutsche Soldaten nach Hause geschickt hätten, als ¸¸Märchenstunde". Das könne er aus seiner Erinnerung nicht bestätigen. Aly antwortete, befragte ehemalige Soldaten könnten sich oft nicht an die Päckchen erinnern, ihre Frauen aber schon. Bei der Diskussion kam Aly, der gegenwärtig eine Gastprofessur in Frankfurt innehat, auch auf seine Schülerjahre am Kurt-Huber-Gymnasium in Gräfelfing zu sprechen. Dort, nicht in der Studentenbewegung, habe er erstmals etwas über die Nazi-Zeit und die Verbrechen des Hitler-Regimes erfahren, erzählte er. Von der Bühne aus begrüßte er auch drei seiner ehemaligen Lehrer, die ins Bürgerhaus gekommen waren. Diese Aufklärung über die NS-Diktatur habe einer Schule gut angestanden, die den Namen Kurt Hubers trage, sagte Aly.

Für sein Buch hat sich der Historiker freilich nicht nur mit den Päckchen beschäftigt, die die Soldaten geschickt haben. Diese waren eine Schauseite der Kriegsfinanzierungspolitik, deren verschlungene Pfade Aly ebenfalls aufzeigte. Wie gelang es dem Regime, so Alys Frage, die immensen Kriegskosten sowie die in den Jahren 1939 bis 1942 den Deutschen zugestandenen Sozialleistungen aufzubringen? Erreicht wurde dies dadurch, dass die Besatzungskosten aus den Haushalten der besiegten Länder bezahlt wurden. Auch das Vermögen ermordeter Juden wurde für die Kriegsfinanzierung verwendet. Basis der sozialen Integration im NS-Staat war eine ¸¸großdeutsche Raubgemeinschaft", bilanziert Aly.

Andreas Ostermeier

Quelle: Süddeutsche Zeitung - Würmtal
Nr.230, Donnerstag, den 06. Oktober 2005 , Seite 3