Süddeutsche Zeitung, 12.03.05

 

Die Sache mit dem Neid

Verena Kast über ein Gefühl, das man gerne verheimlicht

Gräfelfing Invidia, die weibliche Personifikation einer der sieben Todsünden, des Neides, lebt bei Ovid in einem Tal, wo nie die Sonne hinkommt. "Alles ist grau, sie selbst hat ein gräuliches Gesicht und stinkt ein wenig. Tritt sie auf grünes Gras, verbrennt es", schildert Verena Kast ein unangenehmes Gefühl und seine Auswirkungen: Neid war das Thema des Vortrags, den die Psychoanalytikerin und Professorin für Psychologie an der Universität Zürich am Donnerstag im ausverkauften Bürgerhaus Gräfelfing im Rahmen der achten Thementage hielt. Eingeladen zu dieser Veranstaltungsreihe über "Gefühle" hatte sie die "Literarische Gesellschaft".

Neid sei ein Gefühl, und Gefühle bräuchten wir, um uns im Leben zu orientieren, stellte Kast an den Beginn ihrer Ausführungen. "Jedes Gefühl will etwas von uns: Ärger, dass wir Grenzen setzen; Angst, dass wir in einer bestimmten Situation reagieren." Alle Menschen könnten Neid empfinden - wie auch erregen. Es komme auf den Umgang mit diesem destruktiven Gefühl und auf das Erkennen der Ursachen an.

Neid ist "ein Stich von Missvergnügen, wo man eigentlich Vergnügen haben möchte", beschrieb Kast das Phänomen. Oft sei Neid zudem mit dem Gefühl der Ungerechtigkeit verbunden: "Ich bin zu kurz gekommen", stehe dabei am Ende eines blitzschnellen, oft oberflächlichen Vergleiches mit dem anderen: Der Neider spürt den Mangel, sein Selbstbild kippt und er entwertet den Beneideten. "Neid ist mit großen Aggressionen verbunden, er will vernichten, zerstören. Der Neiderreger soll verschwinden", erläuterte Kast. Oftmals spreche der Betroffene nicht über solche Gefühle, versucht sie zu verstecken und zu verdrängen.

Neid sei stets mit einem geringen Selbstwertgefühl verbunden, erklärte die Expertin, und "um neidisch zu werden, braucht man einen inneren Druck". Vor allem Menschen, denen immer wieder das Gefühl vermittelt wird, nicht gut genug zu sein, würden diesen Druck verspüren. In Familiensystemen, die destruktiv sind, könne Neid sogar tödlich enden, so Kast. Eltern würden in diesem Fall emotional wenig zur Verfügung stehen, üben viel Kritik. In einem wertschätzenden Klima hingegen, erfährt das Kind, ein "hinreichend guter Mensch in einer hinreichend guten Welt" zu sein.

Die "große Anti-Neidformel" ist nach Kast, "wohlwollend" zu sein. Und Neid, dieser "Zerstörer der Freude", fordere immer heraus, sich zu fragen: Könnte ich auch der andere sein? Mache ich das Richtige aus meinem Leben? Oder muss ich gar mein Selbstbild, mein Selbstkonzept korrigieren, weil gewisse Ziele für mich nicht erreichbar sind.

FRANZISKA GÜNTHER


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.59, Samstag, den 12. März 2005 , Seite 6


 

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