SZ, 15.04.05

Auf den Spuren von Thomas Mann

Dirk Heißerer bringt Licht die Geschichte des Schriftstellers


Gräfelfing ¸¸Wir wohnen an einem sehr hübschen Platz inmitten der Stadt, mit einem Brunnen in der Mitte, wie bei uns auf dem Markt, Ich habe niemals ein solches Haus gesehen! Es ist von oben bis unten ganz kunterbunt bemalt, mit heiligen Georgs, die den Drachen töten, und alten bayerischen Fürsten in vollem Ornat und Wappen. Stellt Euch vor!", schreibt Tony Buddenbrook aus der ¸¸Münchner Fremde" an ihre Familie. Dirk Heißerer hat sich für sein neues Buch ¸¸Im Zaubergarten" auf die Suche nach diesem Haus aus Thomas Manns ¸¸Buddenbrooks" gemacht. Wo er fündig geworden ist, verriet der Literaturwissenschaftler nun im Bürgerhaus Gräfelfing: Dorthin hatte den bekannten ¸¸literarischen Spaziergänger" die ¸¸Literarische Gesellschaft Gräfelfing" zu einem Vortrag eingeladen. Und tatsächlich konnte der Träger des Schwabinger Kunstpreises jenes merkwürdige Haus identifizieren: ¸¸Im Topographischen Atlas von München" (1849) ist es am damaligen Haupt-Platz" (der erst 1854 in Marienplatz" umbenannt wurde) als drittes Haus an der Ecke zur Weinstraße erkennbar", schreibt Heißerer im ¸¸Zaubergarten".

Der Autor und mit ihm der Leser, so er sich auf Heißerers abwechselnd chronologisch vor- und rückverweisenden literarischen Spaziergang einlässt, macht sich erstmals in dieser Form auf die Spuren von Manns bayerischer Zeit. Von 1894 bis 1933 lebte Thomas Mann in München. Er verbrachte damit fast die Hälfte seines Lebens in der Isar-Metropole sowie dem ¸¸notorisch wundervollen" oberbayerischen Umland. ¸¸Hier verbrachte er die für ihn entscheidenden Jahre", erläuterte Heißerer. So hat Mann etwa die Nachricht, den Nobelpreis für Literatur erhalten zu haben, 1929 in der ¸¸Poschi", der Villa in der Poschingerstraße am Herzogpark, ereilt. Hier in der Gegend spazierten schon ¸¸Herr und Hund" aus der gleichnamigen Novelle und entdeckten darin voller Faszination und Fantasie den Klingsorschen Zaubergarten aus Wagners Oper ¸¸Parsifal" wieder.

Und begann zwischen Katja und Thomas Mann eigentlich nicht alles schon in Wildbad Kreuth? ¸¸Wie sich erst in jüngster Zeit gezeigt hat, gehörten zu den illustren Gästen am Tegernsee und im Kurbad Kreuth auch zwei Elternehepaare aus München und Lübeck, deren Kinder Katja und Thomas 1905 ehelich zusammenfanden", klärte der Detektiv in Sachen Mann die Zuhörer auf. Und in Kreuth gar habe Thomas Mann als Kind schon das Spazierengehen, eine für das Schreiben unabdingbare Beschäftigung gelernt, mutmaßte Spaziergänger Heißerer.

FRANZISKA GÜNTHER

 


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.86, Freitag, den 15. April 2005 , Seite 6

 

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