MM, 15.04.05

Im Zaubergarten Bayerns
Dirk Heißerer über Thomas Mann und seine Heimat

VON LEO ERNSTBERGER Gräfelfing -

"Wenn Heißerer kommt - zum dritten Mal - ist das Bürgerhaus voll besetzt." So jedenfalls der Begrüßungstenor des Vorsitzenden der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing, Wolfgang Pollner. So auch die faktische Bestätigung: trotz Fußball Chelsea gegen Bayern hatte Dr. Dirk Heißerer, literarischer Spaziergänger, Dozent an der LMU München und Verfasser literarisch-topographischer Bücher, großen Zulauf. Er las aus seinem neuesten Werk "Im Zaubergarten - Thomas Mann in Bayern".

Weil Heißerer aber viel mehr weiß, als im Buche steht, kam er wie immer in literarische Fahrt: Aufriss einer Dauerrecherche, Kuriosa am Rande, Leidenschaft für Thomas Mann, weiter Umkreis der Thematik. "Ich mache gerade das, was ich nicht soll." Beredtes Fazit einer mitreißenden Fülle von Kenntnissen, Fakten und Interna, die mit pointierten Buchzitaten auch in der Gartenstadt Gräfelfing den "Zaubergarten" Thomas Manns reich zum Blühen zu bringen vermochten.

Verständlicherweise blüht der "Zaubergarten" vor allem um das Haus des "Buddenbrook"-Autors im Münchner Stadtteil Bogenhausen; 39 Jahre lebte Thomas Mann in München, davon 20 in der Poschinger Straße, wo sich der gegenwärtige Besitzer des Grundstücks gerade anschickt, das Gebäude neu aufzurichten - im Stil der Zeit Thomas Manns. Dazu liefert Heißerers literarische Intensität die Marginalien. Vorwort und Schlusskapitel runden sich um diese persönliche Welt des großen Dichters. Wer, wie der Rezensent, in seiner Jugend selbst die "Wildnis" der Isarauen nördlich von Thomas Manns Villa "Ich bin der Landschaft anhänglich und dankbar" in Bogenhausen (heute von der Bogenhausener Tivolibrücke über die Thomas-Mann-Allee erreichbar) bei gefährlichen Spielen durchstreift hat, wusste nichts vom "Zauberer", wie die Kinder Thomas Manns ihren Vater nannten. Und wer noch 1949 vor dem halb zerstörten Anwesen stehend, gerne einen Blick ins Innere getan hätte, dem verwehrten "Displaced Persons" den Eintritt.

"Was hat Thomas Mann in München gehalten?", lautete eine Frage nach der Lesung. Eine der möglichen Antworten steht in "Herr und Hund": "Ich bin der Landschaft anhänglich und dankbar, darum habe ich sie beschrieben. Sie ist mein Park und meine Einsamkeit; meine Gedanken und Träume sind mit ihren Bildern vermischt und verwachsen wie das Laub mit dem ihrer Bäume."

Was literarisch anderen willig und gern mitgeteilt werden soll, erfüllt Thomas Mann durch sein dem bayerischen Raum eng verbundenes Werk. Dirk Heißerer verklärt dies am Ende des "Zaubergarten"-Buches: Ein Foto eines Unbekannten zeigt den "Zauberer" auf der Maximilianstraße; Sonntag, 19. Oktober 1952 nach der Matinee im Schauspielhaus, lächelnd. Heißerer erinnert an ein Ereignis im Jahr 1931: Ein radelnder Bub ruft einem Reporter und Thomas Mann ein frohes "Grüß Gott" zu, "als wäre der Mann vor mir ein x-beliebiger Schulze oder Mayer aus der Poschinger Straße in München. Es ist aber der "Zauberer"; er grüßt zurück, zieht den Hut und lächelt uns zu" - auch uns, über das Medium Heißerer.

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