SZ 30.11.04

 
Lebensspenderin, liederlich
 

Was hatte sie nur? Oliver  Hilmes leuchtet mit viel Spürsinn und wenig Galanterie das Leben der Alma Mahler-Werfel aus - mehr kann und will man über sie nicht wissen

 
Man muss mindestens zwei Klassiker zusammenspannen, um Alma Mahler-Werfel gerecht zu werden: ¸¸Bewundert viel und viel gescholten . . . schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte." Es müssen schon Goethes Helena und Schillers Wallenstein herhalten, um ¸¸Alma" zu charakterisieren. Für die einen war sie das ¸¸innigst geliebte Mädchen", so Gustav Mahler, ihr erster Ehemann, ¸¸schön und verführerisch wie keine andere Frau", so Oskar Kokoschka, eine ihrer intensivsten Affären; für Franz Werfel war sie ¸¸Lebensspenderin und Hüterin des Feuers". Andere sahen sie anders: als ¸¸Monstrum" (Theodor W. Adorno), ¸¸aufgequollene Walküre" (Claire Goll), ¸¸liederliches Weib" (Richard Strauss) oder schlicht ¸¸eine Kloake" (Marietta Torberg).

Fünf Biographien gibt es bereits, nun kommt durch Oliver Hilmes eine sechste hinzu. Sie übertrifft ihre Vorläufer in der Qualität der Recherche, im Spürsinn für bisher missachtete Quellen mehr als deutlich. Hilmes hat den gemeinsamen Nachlass von Alma Mahler und Franz Werfel in Philadelphia sehr viel intensiver und auch findiger genutzt, als es bisher üblich war; so hat er eine Teilabschrift von Tagebüchern zwischen 1902 und 1944 ausgewertet - bisher sind nur die Tagebücher bis zur Heirat mit Mahler publiziert -, außerdem ein Manuskript, das eine Art Zwischenstufe zwischen den Tagebüchern und den beiden autobiographischen Büchern Almas darstellt. Schließlich standen ihm auch die unveröffentlichten Briefe zwischen Alma und Kokoschka zur Verfügung.

Aus all dem ist die in Fakten und Zitaten ausführlichste und sicherlich definitive Biographie dieser seltsamen Frau entstanden. Das Bild der jungen Alma und der Frau Gustav Mahlers verändert sich durch Hilmes" Darstellung nicht, während dem Bild der Mahler-Witwe zahlreiche neue Facetten hinzugefügt werden. Das prekäre Dreieck Alma-Kokoschka-Gropius beispielsweise ist noch nie so präzise konturiert worden wie hier. Rasch wird deutlich, dass der Biograph in seiner Beurteilung des Charakters und des Verhaltens seiner Hauptfigur eher zu den Scheltenden als zu den Bewundernden zu rechnen ist.

Zu Galanterien neigt Hilmes nicht, so wenn er behauptet, Alma sei zwar eine hübsche Wienerin, aber beileibe keine Schönheit gewesen. Sein eigenes Umschlagbild sagt etwas anderes. Das mag nicht mehr das Schönheitsideal der Generation des Autors sein, aber wenn selbst Bruno Walter, Alma keineswegs blind ergeben, sie für das schönste Mädchen Wiens hielt, heißt das etwas, denn hier sprach ein Kenner.

Problematisch ist die psychopathologische Grundthese des Buches, die sich schon im einprägsam alliterierenden Titel ausdrückt: ¸¸Witwe im Wahn". Nach Hilmes" Ansicht handelt es sich bei Alma um eine Frau, die frühzeitig Symptome einer Hysterikerin zeigte; diese hätten sich zu einem wahnhaften Verhaltenssyndrom entwickelt, in dem vor allem ihr Antisemitismus seinen festen Platz bekommen habe. Das entsprechende Kapitel zur Untermauerung dieser These ist in seiner vagen Berufung auf disparate Fachliteratur und den Parallelen zwischen Verhaltensweisen Almas und den klinischen Befunden der Hysterie allzu pauschal geraten; dass ¸¸Hysterie" in Psychologie und Psychiatrie in dieser Allgemeinheit nahezu obsolet geworden ist, während er in den Kulturwissenschaften als Beschreibung bestimmter Frauenbilder Konjunktur hat, wird nicht deutlich. Almas Verhaltensweisen und Einstellungen, die vielen Menschen unangenehm, ja widerwärtig waren, sind noch kein Indiz für die Hysterie-Diagnose.

Hilmes" Darstellung ist überall dort eindrucksvoll und überzeugend, wo er sein überreiches Material mit vielen Entdeckungen präsentieren kann. So ist ihm gelungen, woran andere scheiterten, das Schicksal der Halbschwester Gretel zu klären, deren Spur sich um 1912 in psychiatrischen Anstalten endgültig zu verlieren schien. Auch viele andere Details oft unappetitlicher Art waren bisher nicht bekannt, und das, was der Biograph aufdeckt, ist nicht geeignet, das Bild Almas freundlich zu garnieren. Ihre Faszination durch Hitler, den sie auch einmal aus der Nähe sah, erinnert fatal an Winifred Wagners Begeisterung.

Das heikelste Kapitel ist sicher Almas Antisemitismus, den Hilmes als das gefährliche Zentrum ihres Wahnsystems ausmacht. Die widerlichen Züge ihrer Ressentiments sind überhaupt nicht zu bestreiten, und wie bei jedem Vorurteilssyndrom wird das im Alter deutlich schlimmer. Aber zu einem konsequenten Antisemitismus fehlte ihr wie in anderen Belangen auch hier die Stetigkeit und Beharrlichkeit, genau das Systematische, das einen wahnhaften Antisemitismus ausmachen würde. Eine radikale Antisemitin, die zweimal Männer jüdischer Herkunft heiratet? Das wäre dann wirklich nur mit geistiger Erkrankung zu erklären. Die bedrückenden Zitate bleiben, aber die mehr als komplizierte Konstellation müsste differenzierter behandelt werden.

Nicht recht ausgewogen ist auch die Gewichtung zwischen dem in allen Farben schillernden Mosaik, aus dem sich Almas Charakterbild zusammensetzt, einerseits und andererseits der Blässe, in der die entscheidenden Männer ihres Lebens verbleiben. Die Konzentration des Biographen auf seine Zentralsonne ist so stark, dass man nur einen Reigen unseliger Geister erblickt, der diese umschwirrt und sich nicht so recht zu individuellen Porträts zusammenfügen will. Hilmes ist gegenüber den bedenkenlosen Selbststilisierungen und Geschichtsfälschungen Almas mehr als skeptisch und widerlegt das meiste durch die Kraft seiner Dokumente, von denen die ungeschöntesten aber eben auch von Alma stammen.

Das Porträt dieser Frau ist desillusionierend, schonungslos. Das ist wohltuend und nötig gegenüber einer feministisch illuminierten Alma-Bewunderung, wie sie etwa durch die oberflächliche Biographie Françoise Girouds weite Verbreitung fand. Seine faktengesättigte Darstellung wird als solche nicht mehr zu übertreffen sein. Aber ihr fehlen dann doch entscheidende Argumente zur Beantwortung der Frage, was Klimt, Zemlinsky, Mahler, Gropius, Kokoschka und Werfel eigentlich an dieser Hysterikerin, Antisemitin und Faschistin angezogen hat. Wenn Almas Lebensleistung vor allem in der Komposition ihrer eigenen Legende bestand, wie der Biograph resümiert, dann ist das zu wenig, um dieses Phänomen zu erklären. Da muss mehr gewesen sein, und man muss ergänzend zu der älteren Alma-Biographie der amerikanischen Journalistin Karen Monson greifen, um tiefere Einblicke in die Psyche Almas und die sie umgebenden kulturellen Milieus zu bekommen.

Oliver Hilmes ist hoch anzurechnen, dass er das Leben dieser ungewöhnlichen Dame offen gelegt hat. ¸¸Eine Frau kann in vielen Kirchen beten" so Almas Resümee ihrer nicht nur erotischen Eskapaden. Oliver Hilmes hat alle Kirchentüren geöffnet, alle Schleier weggezogen, hat alles ausgeleuchtet, was überhaupt dem Licht zugänglich war, das ist die große Leistung seines Buches. Mehr als bei ihm werden wir über Alma nicht erfahren können, aber jetzt wohl auch nicht mehr erfahren wollen.

Oliver Hilmes
Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel
Siedler Verlag, München 2004. 477 Seiten, 24 Euro.



Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.278, Dienstag, den 30. November 2004 , Seite 60
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