Lebensspenderin,
liederlich
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Was hatte sie nur? Oliver
Hilmes leuchtet mit viel
Spürsinn und wenig Galanterie das Leben der Alma Mahler-Werfel aus -
mehr kann und will man über sie nicht wissen
Von Jens Malte Fischer
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Man muss mindestens zwei Klassiker zusammenspannen, um
Alma Mahler-Werfel gerecht zu werden: ¸¸Bewundert viel und viel
gescholten . . . schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte." Es
müssen schon Goethes Helena und Schillers Wallenstein herhalten, um
¸¸Alma" zu charakterisieren. Für die einen war sie das ¸¸innigst
geliebte Mädchen", so Gustav Mahler, ihr erster Ehemann, ¸¸schön und
verführerisch wie keine andere Frau", so Oskar Kokoschka, eine ihrer
intensivsten Affären; für Franz Werfel war sie ¸¸Lebensspenderin und
Hüterin des Feuers". Andere sahen sie anders: als ¸¸Monstrum" (Theodor
W. Adorno), ¸¸aufgequollene Walküre" (Claire Goll), ¸¸liederliches Weib"
(Richard Strauss) oder schlicht ¸¸eine Kloake" (Marietta Torberg).
Fünf Biographien gibt es bereits, nun kommt durch Oliver Hilmes eine
sechste hinzu. Sie übertrifft ihre Vorläufer in der Qualität der
Recherche, im Spürsinn für bisher missachtete Quellen mehr als deutlich.
Hilmes hat den gemeinsamen Nachlass von Alma Mahler und Franz Werfel in
Philadelphia sehr viel intensiver und auch findiger genutzt, als es
bisher üblich war; so hat er eine Teilabschrift von Tagebüchern zwischen
1902 und 1944 ausgewertet - bisher sind nur die Tagebücher bis zur
Heirat mit Mahler publiziert -, außerdem ein Manuskript, das eine Art
Zwischenstufe zwischen den Tagebüchern und den beiden autobiographischen
Büchern Almas darstellt. Schließlich standen ihm auch die
unveröffentlichten Briefe zwischen Alma und Kokoschka zur Verfügung.
Aus all dem ist die in Fakten und Zitaten ausführlichste und sicherlich
definitive Biographie dieser seltsamen Frau entstanden. Das Bild der
jungen Alma und der Frau Gustav Mahlers verändert sich durch Hilmes"
Darstellung nicht, während dem Bild der Mahler-Witwe zahlreiche neue
Facetten hinzugefügt werden. Das prekäre Dreieck Alma-Kokoschka-Gropius
beispielsweise ist noch nie so präzise konturiert worden wie hier. Rasch
wird deutlich, dass der Biograph in seiner Beurteilung des Charakters
und des Verhaltens seiner Hauptfigur eher zu den Scheltenden als zu den
Bewundernden zu rechnen ist.
Zu Galanterien neigt Hilmes nicht, so wenn er behauptet, Alma sei zwar
eine hübsche Wienerin, aber beileibe keine Schönheit gewesen. Sein
eigenes Umschlagbild sagt etwas anderes. Das mag nicht mehr das
Schönheitsideal der Generation des Autors sein, aber wenn selbst Bruno
Walter, Alma keineswegs blind ergeben, sie für das schönste Mädchen
Wiens hielt, heißt das etwas, denn hier sprach ein Kenner.
Problematisch ist die psychopathologische Grundthese des Buches, die
sich schon im einprägsam alliterierenden Titel ausdrückt: ¸¸Witwe im
Wahn". Nach Hilmes" Ansicht handelt es sich bei Alma um eine Frau, die
frühzeitig Symptome einer Hysterikerin zeigte; diese hätten sich zu
einem wahnhaften Verhaltenssyndrom entwickelt, in dem vor allem ihr
Antisemitismus seinen festen Platz bekommen habe. Das entsprechende
Kapitel zur Untermauerung dieser These ist in seiner vagen Berufung auf
disparate Fachliteratur und den Parallelen zwischen Verhaltensweisen
Almas und den klinischen Befunden der Hysterie allzu pauschal geraten;
dass ¸¸Hysterie" in Psychologie und Psychiatrie in dieser Allgemeinheit
nahezu obsolet geworden ist, während er in den Kulturwissenschaften als
Beschreibung bestimmter Frauenbilder Konjunktur hat, wird nicht
deutlich. Almas Verhaltensweisen und Einstellungen, die vielen Menschen
unangenehm, ja widerwärtig waren, sind noch kein Indiz für die
Hysterie-Diagnose.
Hilmes" Darstellung ist überall dort eindrucksvoll und überzeugend, wo
er sein überreiches Material mit vielen Entdeckungen präsentieren kann.
So ist ihm gelungen, woran andere scheiterten, das Schicksal der
Halbschwester Gretel zu klären, deren Spur sich um 1912 in
psychiatrischen Anstalten endgültig zu verlieren schien. Auch viele
andere Details oft unappetitlicher Art waren bisher nicht bekannt, und
das, was der Biograph aufdeckt, ist nicht geeignet, das Bild Almas
freundlich zu garnieren. Ihre Faszination durch Hitler, den sie auch
einmal aus der Nähe sah, erinnert fatal an Winifred Wagners
Begeisterung.
Das heikelste Kapitel ist sicher Almas Antisemitismus, den Hilmes als
das gefährliche Zentrum ihres Wahnsystems ausmacht. Die widerlichen Züge
ihrer Ressentiments sind überhaupt nicht zu bestreiten, und wie bei
jedem Vorurteilssyndrom wird das im Alter deutlich schlimmer. Aber zu
einem konsequenten Antisemitismus fehlte ihr wie in anderen Belangen
auch hier die Stetigkeit und Beharrlichkeit, genau das Systematische,
das einen wahnhaften Antisemitismus ausmachen würde. Eine radikale
Antisemitin, die zweimal Männer jüdischer Herkunft heiratet? Das wäre
dann wirklich nur mit geistiger Erkrankung zu erklären. Die bedrückenden
Zitate bleiben, aber die mehr als komplizierte Konstellation müsste
differenzierter behandelt werden.
Nicht recht ausgewogen ist auch die Gewichtung zwischen dem in allen
Farben schillernden Mosaik, aus dem sich Almas Charakterbild
zusammensetzt, einerseits und andererseits der Blässe, in der die
entscheidenden Männer ihres Lebens verbleiben. Die Konzentration des
Biographen auf seine Zentralsonne ist so stark, dass man nur einen
Reigen unseliger Geister erblickt, der diese umschwirrt und sich nicht
so recht zu individuellen Porträts zusammenfügen will. Hilmes ist
gegenüber den bedenkenlosen Selbststilisierungen und
Geschichtsfälschungen Almas mehr als skeptisch und widerlegt das meiste
durch die Kraft seiner Dokumente, von denen die ungeschöntesten aber
eben auch von Alma stammen.
Das Porträt dieser Frau ist desillusionierend, schonungslos. Das ist
wohltuend und nötig gegenüber einer feministisch illuminierten
Alma-Bewunderung, wie sie etwa durch die oberflächliche Biographie
Françoise Girouds weite Verbreitung fand. Seine faktengesättigte
Darstellung wird als solche nicht mehr zu übertreffen sein. Aber ihr
fehlen dann doch entscheidende Argumente zur Beantwortung der Frage, was
Klimt, Zemlinsky, Mahler, Gropius, Kokoschka und Werfel eigentlich an
dieser Hysterikerin, Antisemitin und Faschistin angezogen hat. Wenn
Almas Lebensleistung vor allem in der Komposition ihrer eigenen Legende
bestand, wie der Biograph resümiert, dann ist das zu wenig, um dieses
Phänomen zu erklären. Da muss mehr gewesen sein, und man muss ergänzend
zu der älteren Alma-Biographie der amerikanischen Journalistin Karen
Monson greifen, um tiefere Einblicke in die Psyche Almas und die sie
umgebenden kulturellen Milieus zu bekommen.
Oliver Hilmes ist hoch anzurechnen, dass er das Leben dieser
ungewöhnlichen Dame offen gelegt hat. ¸¸Eine Frau kann in vielen Kirchen
beten" so Almas Resümee ihrer nicht nur erotischen Eskapaden. Oliver
Hilmes hat alle Kirchentüren geöffnet, alle Schleier weggezogen, hat
alles ausgeleuchtet, was überhaupt dem Licht zugänglich war, das ist die
große Leistung seines Buches. Mehr als bei ihm werden wir über Alma
nicht erfahren können, aber jetzt wohl auch nicht mehr erfahren wollen.
Oliver Hilmes
Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel
Siedler Verlag, München 2004. 477 Seiten, 24 Euro.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.278, Dienstag, den 30. November 2004 , Seite 60 |
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