SZ, 19.11.04

 
Törichtes Sehnen
 
Heines "Wintermärchen" im Bürgerhaus Gräfelfing

Gräfelfing Der Saal im Bürgerhaus war am Dienstagabend erstaunlich gut gefüllt. Angelockt hatte die Besucher eine von der "Literarischen Gesellschaft Gräfelfing" veranstaltete Lesung Stephan Hoffmanns aus Heinrich Heines "Deutschland, ein Wintermärchen". Wie kommt es, dass ein vor 160 Jahren verfasster Text auch heute noch auf ein solch reges Interesse stößt? Das Bild des winterlich erstarrten Deutschland mag angesichts erneut nach unten korrigierter Wachstumsprognosen für 2005 seitens der "Wirtschaftsweisen", einer anhaltend hohen Erwerbslosenquote sowie steigender Staatsverschuldung auch gegenwärtig zutreffend sein. Doch es ist insbesondere Heines sensible Wahrnehmung der sozialen, religiösen und politischen Veränderungen in seiner Heimat, die ergreift. "Das Stück ist humorvoll und sehnsüchtig zugleich", bemerkte Hoffmann. Trotz Spott und Ironie - oder gerade deswegen - sei Heines Liebe zum Vaterland, "zur Wurzel" spürbar: "Eine gewisse Wehmut schwingt immer mit", meinte der Münchner Schauspieler. Und die wurde an diesem Abend für die Zuhörer auch hörbar: Rudi Zapf ergänzte Hoffmanns Heine-Interpretation mit seinem virtuosen Spiel auf der persischen Santur. Ihr besonderer Klang sowie die wirkungsvoll improvisierten Melodien unterstrichen "dieses törichte Sehnen", das "man Vaterlandsliebe nennt", wie es der Dichter im Anschluss seiner Reise im Herbst 1843 quer durch Deutschland niederschrieb. Ferner sind es die Bilder, die Traumsequenzen und Gedankenflüge, mit denen Heine seine Leser heute noch fasziniert: Der lebendige und auf die Kraft der Sprache setzende Vortrag des beispielsweise bei den Salzburger Festspielen aufgetretenen Schauspielers brachte dies zum Ausdruck.

Im April 1844 hatte der Schriftsteller Heine und als solcher einer der wenigen Vertreter des europäischen Geistes das Manuskript mit den folgenden Worten an seinen Verleger Julius Campe geschickt: "Es ist ein gereimtes Gedicht, welches. . . die ganze Gärung unserer deutschen Gegenwart in der kecksten, persönlichsten Weise ausspricht". Er selbst nannte es "politisch-romantisch" und war sich "diesmal sicher, daß ich ein Werkchen gegeben habe, das mehr Furore machen wird als die populärste Broschüre und das dennoch den bleibenden Wert einer klassischen Dichtung haben wird". Der große Meister der deutschen Sprache war sich der nachhaltigen Wirkung seiner Verse durchaus bewusst: unbestechlich, mit spöttisch-amüsanten Assoziationen wie "Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns / Mit Lorbeerblättern den Rüssel" - angesichts eines lecker kredenzten Schweinskopfes in Köln - oder "spitzer" Überlegungen zur preußischen Pickelhaube führt der Exilant nationale Borniertheit, politischen Stillstand, geistige Einengung und Bigotterie vor Augen.
FRANZISKA GÜNTHER

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.269, Freitag, den 19. November 2004 , Seite 6

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