Münchner Merkur, 20.11.04

 
Eindrucksvoll in Erinnerung gerufen
Heines Wintermärchen
 

VON THERES MÜLLER Gräfelfing - "Im traurigen Monat November war`s", 1843: Eine Postkutsche befindet sich auf dem Weg von Paris nach Hamburg. Ihr einziger Passagier - der nach eigenem Bekunden an der Krankheit "Vaterlandsliebe" litt - wird später mit diesen Worten seinen Reisebericht beginnen. Es war Heinrich Heine und wohl bekannt ist bis heute auch sein Versepos "Deutschland, ein Wintermärchen". Eindrucksvoll in Erinnerung rief das zeitkritische Werk der Schauspieler Stephan Hoffmann im Gräfelfinger Bürgerhaus.

Pointiert und mit variabler Sprache las Hoffmann aus den 27 Caputs - je nach Stimmungslage des Lyrikers: Mal heiter plaudernd, etwa bei Heines Schilderung vom Wiedersehen mit der Mutter. Mal spitz und scharfzüngig als jener im Traum Barbarossa im

 

Kyffhäuser trifft, politisiert und der "Rotbart" ihn als Hochverräter beschimpft. Mit unverblümt spöttischer Stimme sprach Hoffmann Heines Gedanken zur preußischen Grenzkontrolle oder satirisch, als dieser, dem Kölner Dom gegenüber stehend, mit der religiösen Restauration abrechnet.

     
 Der Empfindungsreichtum, mit dem Heine nach 13 Jahren wieder die heimatlichen Gefilde bereiste, das Wechselbad zwischen Vaterlandskritik und -liebe, seine Vorahnungen, die ihn um den nächtlichen Schlaf brachten, all dies ließ Hoffmann im vollbesetzten Saal wieder aufleben.

Musikalisch umrahmt wurde die Lesung von Rudi Zapf auf dem persischen Santur, einem Vorläuferinstrument des Hackbretts. So eigenwillig Zapfs musische Interpretation des Heine`schen Klassikers nach manchem Caput auch klingen mochte, sie konnte keinesfalls zu jenem "deutschtümelnd-kleinbürgerlichen Liedgut" gezählt werden, das Heines lyrisches Ich im Zwiegespräch mit dem Rhein heftigst kritisiert.

Das Publikum war begeistert, bat die beiden Künstler nochmals auf die Bühne und stand erneut vor der Frage: Ist es das heutige Deutschland, an welchem Heine bei Hammonia im Nachttopf Karl des Großen schnuppert und voller Ekel meint: "Doch dieser deutsche Zukunftsduft mocht` alles überragen, was meine Nase je geahnt - Ich konnt`s nicht länger ertragen."

mm
20.11.2004

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